Pearl Harbor und die Warnungen, die niemand zusammensetzte
Am Morgen des 7. Dezember 1941 griffen japanische Trägerflugzeuge den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii an. Mehr als 2.400 Amerikaner kamen ums Leben, mehrere Schlachtschiffe wurden versenkt oder schwer beschädigt und fast 200 Flugzeuge zerstört. Am folgenden Tag erklärten die Vereinigten Staaten Japan den Krieg.
Hinweise auf einen möglichen Angriff hatte es in den Wochen und Stunden zuvor mehrfach gegeben. Ende November hatte Washington die Befehlshaber auf Hawaii ausdrücklich vor einem bevorstehenden japanischen Angriff gewarnt. Wo er stattfinden würde, blieb offen. Der Befehlshaber des Heeres auf Hawaii deutete die Warnung vor allem als Gefahr von Sabotage. Er ließ die Flugzeuge deshalb dicht an dicht auf den Flugfeldern abstellen, wo sie sich leichter bewachen ließen. Diese Maßnahme meldete er nach Washington, wo niemand widersprach. Gegen einen Luftangriff machte gerade diese Aufstellung die Flugzeuge besonders verwundbar.
Am Morgen des Angriffs versenkte ein Zerstörer vor der Hafeneinfahrt ein japanisches Klein-U-Boot. Die Meldung wanderte langsam durch die Befehlskette. Kurz nach sieben Uhr erfassten zwei Soldaten an einer Radarstation im Norden der Insel eine große Formation von Flugzeugen. Der diensthabende Offizier in der Zentrale ging davon aus, es handle sich um eine erwartete Staffel amerikanischer Bomber vom Festland, und beruhigte die Soldaten. Die Station hätte zu diesem Zeitpunkt planmäßig bereits abgeschaltet sein sollen. Die beiden Soldaten hatten sie zur Übung weiterlaufen lassen. Eine letzte Warnung aus Washington ging an diesem Morgen als gewöhnliches Telegramm hinaus und erreichte Hawaii erst nach dem Angriff.
Die Politikwissenschaftlerin Roberta Wohlstetter zeigte 1962 in einer bis heute einflussreichen Studie, dass es an Signalen nicht fehlte. Sie gingen im Rauschen vieler anderer Informationen unter und wurden jeweils im Licht dessen gedeutet, was man erwartete. Hinzu kam, dass Heer und Marine auf Hawaii sich kaum abstimmten. Entschlüsselte japanische Funksprüche erreichten in Washington nur einen kleinen Kreis und die Befehlshaber vor Ort nur teilweise.
Wie sehr die Erwartung die Deutung prägt, zeigt die Aufstellung der Flugzeuge. Die Vorbereitung auf das erwartete Risiko erhöhte die Verwundbarkeit gegenüber dem tatsächlichen. Am Morgen des Angriffs wiederholte sich das Muster, als der Offizier in der Zentrale das Radarbild mit der beruhigendsten verfügbaren Erklärung versah. Organisationen können sich davor schützen, indem sie bei jeder ernsten Warnung ausdrücklich nach anderen möglichen Deutungen fragen. Wer eine Warnung ausspricht, bleibt zudem dafür verantwortlich, zu prüfen, wie sie verstanden wurde. Washington erfuhr von der Ausrichtung auf Sabotage und ließ dieses Verständnis stehen.
Nach dem Angriff wurden die beiden Befehlshaber auf Hawaii abgelöst und trugen lange den Großteil der öffentlichen Schuld. Nach Einschätzung vieler Historiker lag ein erheblicher Teil der Versäumnisse in Washington. Organisationen suchen Verantwortung gern dort, wo der Schaden sichtbar wird. Die Ursachen liegen oft weiter oben in der Hierarchie.
Mehrdeutige Warnungen werden fast immer so gedeutet, wie man es ohnehin erwartet. Bei jeder ernsten Warnung lohnt deshalb die Frage nach anderen Deutungen, und wer warnt, muss prüfen, wie seine Warnung verstanden wurde. Die Ursachen eines Versagens liegen selten allein dort, wo der Schaden sichtbar wird.
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