Wo die Menschen sind

Jesus predigte selten dort, wo die Mächtigen waren. Er stand nicht im Tempel bei den Hohepriestern und auch nicht in den Amtsstuben der römischen Provinzverwaltung. Er predigte am See Genezareth, auf freiem Feld, in Häusern von Fischern und Zöllnern. Die Bergpredigt findet auf einem Berg vor der Volksmenge statt, nicht vor der religiösen Elite in Jerusalem. Auffällig oft war er dort zu finden, wo die Menschen ohnehin schon waren.

Seine Sprache folgte ebenfalls dieser Logik. Seine Gleichnisse handeln vom Sämann, vom Weinberg, von der verlorenen Münze, vom Hirten, der sein Schaf sucht. Alles Bilder aus dem Alltag seiner Zuhörer, keine Gelehrtensprache, kein abgehobenes theologisches Vokabular. Wer verstehen wollte, musste keinen besonderen Bildungsweg hinter sich haben. Er musste nur das normale tägliche Leben kennen.

Diese doppelte Bewegung, dort sein wo die Menschen sind und so sprechen, dass sie sich wiederfinden, ist heute so aktuell wie damals. Nur dass der Ort, an dem die Menschen sich versammeln, sich verändert hat. Viele Menschen verbringen einen Teil ihres Alltags heute auf Social-Media-Plattformen..

Was Reichweite bedeutet

Wer auf LinkedIn oder Instagram aktiv ist, kennt das Problem, dass die tatsächliche Reichweite eines Beitrags nicht öffentlich sichtbar ist. Man sieht Likes, man sieht Kommentare, aber wie viele Menschen einen Beitrag tatsächlich gesehen haben, bleibt verborgen, sofern man nicht selbst der Verfasser ist und Zugriff auf die eigenen Statistiken hat.

Immerhin lässt sich daraus eine grobe Orientierung gewinnen. Wer die eigene Relation zwischen sichtbaren Reaktionen und tatsächlicher Reichweite kennt, kann daraus ganz grob abschätzen, in welcher Größenordnung ein fremder Beitrag mit deutlich mehr Likes und Kommentaren gelegen haben dürfte. Ich habe einen durchaus politischen Beitrag, der unter anderem beinhaltet “Es ist nicht christlich, völkisches Denken oder Nationalismus zu verbreiten.” und bei dem es um die christlichen Werte geht, wahrgenommen. Allein bei LinkedIn hatte dieser Beitrag vom Präses der EKiR über 400 Likes und viele Kommentare, wenige Tage zuvor hatte ich bei etwas über 200 Likes mit einem Beitrag rund 55.000 erreichte Mitglieder, daher gehe ich davon aus, der Beitrag des Präses Thorsten Latzel wird mehr als 100.000 Menschen erreicht haben. Sehr zugespitzt ließe sich sagen, dass ein einzelner gut platzierter Beitrag mitunter mehr Menschen erreicht als eine Gemeinde in Jahren an Gottesdiensten. Die beiden Zahlen lassen sich natürlich nicht wirklich vergleichen, aber die Größenordnung allein sollte jedem zu denken geben, der über die Rolle von Kirche im Netz nachdenkt. Dabei lohnt sich ein Blick über TikTok und Instagram hinaus, wobei sich dies durchaus auch von älteren Mitgliedern aktiv gewünscht wird. Ein Kanal wie LinkedIn erreicht ein anderes Publikum, eher berufstätige und ältere Menschen und zeigt damit, dass kirchliche Social-Media-Arbeit nicht auf junge Zielgruppen beschränkt bleiben muss, um in relevanter Größenordnung zu wirken.

Zwischen Verlautbarung und Alltag

Wer mit sichtbarem kirchlichem Bezug postet und dabei Rückhalt durch ein Team hat, kommuniziert anders als jemand, der allein und ehrenamtlich unterwegs ist. Beiträge, die redaktionell durchdacht sind, wirken oft souverän, aber sie laufen Gefahr, in den Ton der Verlautbarung zu kippen. Wer vor allem in “Amtssprache” spricht, erreicht die Amtsstube, aber nur selten die Menschen. Die Beiträge, die neben klarer Positionierung oft wirken, erzählen aus dem Alltag. Sie berichten von echten Situationen, echten Zweifeln, echten Beobachtungen und nicht von druckreifen Positionen. Das ist eine Stärke von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, die ohne Team persönlich posten, aber es ist zugleich auch eine Verletzlichkeit. Wer aus dem eigenen Alltag berichtet, exponiert sich stärker als jemand, der eine abgestimmte Linie vertritt.

Diese Menschen brauchen Rückendeckung, in Form von Schulung, Begleitung und klaren Strukturen für den Ernstfall, nicht in Form von Zensur oder Vorabfreigabe, denn beides würde gerade das zerstören, was den Beitrag wirksam macht. Damit schließt sich der Kreis zu den Gleichnissen. Sie wirken bis heute, weil sie aus dem Leben der Menschen kommen, denen sie erzählt wurden, nicht aus der Sprache einer Institution.

Tatsächlich arbeiten beide Formen mit ähnlichen Mitteln. Ein Gleichnis übersetzt ein abstraktes Prinzip in ein konkretes Bild, den Sämann, das verlorene Schaf, den Weinberg. Ein Foto oder ein kurzes Video auf Social Media tut im Kern dasselbe, es verdichtet eine Botschaft in ein Bild statt sie zu erklären. Beide Formen funktionieren zudem nur, wenn die Betrachtenden sich in der Situation wiedererkennen, und beide verdichten eine Botschaft, statt sie vollständig zu erzählen.

Ein Leitfaden aus einer anderen Zeit

Die Evangelische Kirche von Westfalen hat gemeinsam mit der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Lippischen Landeskirche bereits 2013 Social Media Guidelines erarbeitet. Für die damalige Zeit war das ein sehr durchdachtes Dokument. Es benennt die zentralen Fragen wie Identifizierbarkeit, Verlässlichkeit, Umgangsformen, Datenschutz und Teilhabe und liefert dazu praxisnahe Tipps. Die Goldene Regel aus dem Lukasevangelium steht programmatisch über den Empfehlungen, und Prinzipien wie das Team-Prinzip oder die Vertretungsregelung bei Abwesenheit sind bereits angelegt.

Nur ist die Welt seitdem eine andere geworden. Der Leitfaden nennt Facebook, Twitter, Google+, Youtube und Blogs als die relevanten Kanäle. Von diesen ist Google+ längst eingestellt, Twitter heißt inzwischen X und hat sich stark verändert und für die Zielgruppen, die Kirche heute erreichen will, sind einige dieser Kanäle deutlich weniger relevant geworden. Instagram und TikTok kommen im Leitfaden nicht vor, obwohl gerade dort junge Menschen heute unterwegs sind.

Noch gravierender ist eine andere Lücke. Zum Umgang mit Kritik findet sich nur der Hinweis, freundlich zu bleiben und die Nerven nicht zu verlieren. Von koordinierten Anfeindungen, Hasskampagnen und Gewaltandrohungen ist nirgends die Rede. Solche Angriffe gab es bereits 2013. Verändert haben sich seitdem vor allem Geschwindigkeit, Reichweite und teilweise auch die organisierte Form dieser Angriffe. Was damals eher der unfreundliche Kommentar war, ist heute für manche, die sich klar positionieren, eine tägliche Belastung.

Rechtliche Fragen, die auf dem Tisch landen

Wer als kirchlicher Mitarbeitender sichtbar postet und hierzu zähle ich mich auch mit diesem Blog, stellt früher oder später die Frage, ob das eigentlich erlaubt ist. Eine pauschale Antwort gibt es nicht, die Frage hängt vom Einzelfall ab und berührt je nach Situation unterschiedliche Rechtsgebiete. Mal geht es um Dienstrecht, etwa wenn eine Lehrkraft im öffentlichen Dienst sich politisch äußert und die Frage der Loyalitätspflicht berührt wird. Mal geht es um Äußerungsrecht, wenn eine persönliche Meinung als offizielle Position missverstanden werden könnte. Mal geht es um Urheberrecht, etwa welche Fotos oder welche Musik im Hintergrund eines Videos verwendet werden dürfen, mal um Datenschutz oder das Persönlichkeitsrecht abgebildeter Personen. Als jemand, der innerhalb der EKvW für Urheber- und Lizenzrecht zuständig ist, sehe ich diese Fragen regelmäßig erst dann, wenn bereits etwas veröffentlicht wurde. Einen juristischen Exkurs braucht es dafür nicht. Sinnvoller wäre es, die Antworten vorab griffbereit zu haben, in einer Form, die auch ohne juristische Vorbildung verständlich ist.

Was jetzt gebraucht wird

Es braucht klare Strukturen für den Umgang mit Anfeindungen, verbindliche Wege der Eskalation und die Klarheit, wann rechtliche oder psychologische Unterstützung eingeholt werden sollte. Es braucht auch die klare Ansage, dass niemand rund um die Uhr verfügbar sein muss. Der Anspruch an ständige Erreichbarkeit, den manche an sich selbst stellen, ist kein Zeichen von Engagement, sondern ein Risiko für die eigene Gesundheit. Dazu gehören zudem Schulungsangebote, die über das Technische hinausgehen und auch den Umgang mit Druck und Anfeindung thematisieren, auch wenn all das Zeit, Personal und Geld kostet, die an anderer Stelle fehlen. Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die sich exponieren, verdienen mehr als einen guten Rat, sie verdienen eine Institution, die im Ernstfall hinter ihnen steht.

Blick voraus

Jesus ging dorthin, wo die Menschen waren, und er sprach so, dass sie ihn verstanden. Wenn Kirche heute sichtbar und glaubwürdig bleiben will, muss sie diesen beiden Prinzipien folgen, auch wenn der Ort heute ein anderer ist. Wer in der virtuellen Welt Botschafter hat, die authentisch aus ihrem Alltag erzählen, hat etwas gewonnen, das keine Verlautbarung ersetzen kann. Aber diese Botschafter brauchen eine Kirche, die sie aktiv unterstützt. 

Dieser Beitrag gibt ausschließlich meine persönliche Auffassung wieder. Er stellt keine Stellungnahme der Evangelischen Kirche von Westfalen oder des Landeskirchenamtes dar.