Vom Leineweber zum Roboter – Persönliche Gedanken

Ich glaube, jede Generation, die von einer Revolution betroffen war, hatte Ängste auszustehen. Im Endeffekt sind wir alle noch da und zumindest in Deutschland geht es den meisten von uns doch recht gut. Von daher wird sich ein Großteil dieser Ängste im Rückblick wohl nicht als richtig erwiesen haben.

Aber auch ich mache mir Gedanken und habe meine eigenen Ängste in Bezug auf die Zukunft, vor allem als junger Vater. Wie wird es für meine Kinder sein? Dabei müsste ich eigentlich nur in die eigene Familie schauen. Mein eigener Vater hatte rund achtzig Prozent der Stellen in seinem Bereich damals abgebaut. Er hat bei Bertelsmann eine Setzerei übernommen und dort alles automatisiert und digitalisiert, was früher von Hand gesetzt wurde. Am Ende wurde es sehr digital. Daraus ist aber keine Arbeitslosigkeit im eigentlichen Sinne entstanden. Die Leute haben etwas anderes gemacht und andere Verwendung für sich gefunden.

Wir Menschen sind bisher immer ausgewichen und haben uns andere Arbeit gesucht, wenn es eine Art von arbeitstechnischer Revolution gab. Aber ein KI-Roboter, was wird der nicht können, was wir können? Das wird noch nicht in fünf oder zehn Jahren der Fall sein, aber wenn meine Kinder in zwanzig Jahren groß sind und sich nach einem guten Job umsehen, dann könnte das ein Thema sein. Wenn Roboter mit künstliche Intelligenz anfangen, den Großteil dessen zu übernehmen, was Menschen bisher mit ihren Händen und ihrem Verstand geleistet haben, wohin kann dann noch ausgewichen werden? Das alles ist kein vollkommen abstraktes Zukunftsszenario, sondern etwas, das sich schon heute in Fabrikhallen beobachten lässt, wo Systeme gerade Menschen über die Schulter schauen, um die jeweiligen Arbeiten irgendwann selbst auszuführen.

Der Auslöser für meine Überlegung war ein einfaches Zahlenspiel, wir überlegen derzeit ein Haus zu kaufen. Wie wird sich der Markt wohl entwickeln, wenn der Bau roboterisiert würde? Ein Einfamilienhaus, das heute rund fünfhunderttausend Euro kostet, setzt sich grob aus drei Blöcken zusammen. Das Grundstück mit allen Nebenkosten wie Notar, Grunderwerbsteuer und Erschließung macht etwa ein Viertel bis ein Drittel aus, also rund 130.000 bis 150.000 Euro. Die reinen Materialkosten für Beton, Ziegel, Holz, Leitungen und Fliesen als Ware liegen bei etwa 30 Prozent, also rund 150.000 Euro. Der Rest, ungefähr 35 bis 40 Prozent oder 180.000 bis 200.000 Euro, entfällt auf menschliche Arbeit, sowohl auf der Baustelle selbst als auch bei Architekten und Planern. Dieser letzte Block ist es, den Roboterbau und die KI angreifen würde und selbst wenn ich hier großzügig annehme, dass die menschliche Arbeit durch Automatisierung auf ein Fünftel ihrer heutigen Kosten sinkt, bleiben von den rund 190.000 Euro nur noch etwa 38.000 Euro übrig. Das Haus würde dadurch auf ungefähr 348.000 Euro fallen, nicht auf zweihundertfünfzigtausend Euro, wie ich zunächst naiv angenommen hatte. Grundstück und Material machen zusammen bereits knapp sechzig Prozent der Kosten aus und beide Blöcke bleiben von der reinen Lohnautomatisierung auf der Baustelle unberührt. Meine ursprüngliche Zahl wäre nur erreichbar, wenn zusätzlich auch die Materialherstellung selbst durch Automatisierung drastisch sinken würde, was eine zweite, eigenständige Automatisierungswelle voraussetzt und nicht einfach aus dem Wegfall von Handwerkerstunden folgt.

Das relativiert mein Ausgangsbeispiel deutlich, ändert aber nichts am Grundmechanismus. Der größte automatisierbare Kostenblock beim Hausbau ist heute Facharbeit, ihre Zeit, ihre Fehleranfälligkeit, ihr Ausfallrisiko und fällt dieser Block weg oder wird durch billige Maschinenzeit ersetzt, fallen die Preise spürbar, auch wenn eben nicht auf die Hälfte, sondern eher um ein knappes Drittel des ursprünglichen Preises. Von einer Art Überflussökonomie, in der Güter praktisch nichts mehr kosten, würde das trotzdem weit entfernt bleiben, denn Grundstück, Rohstoffe und Energie blieben genauso knapp wie heute. Was tatsächlich passieren würde, ist eine spürbare Verbilligung eines einzelnen Faktors, der menschlichen Arbeit, während die anderen Kostenblöcke unverändert bestehen bleiben.

Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht, fast nach einem Versprechen. Güter werden billiger, der Wohlstand für den Einzelnen steigt, alles wird zugänglicher. Aber wer soll das Haus kaufen, wenn parallel dazu die Löhne derjenigen wegfallen, die es früher gebaut hätten. Eine Wirtschaft, in der die Preise fallen, während gleichzeitig die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten erodiert, ist kein automatischer Fortschritt. Sie kann in eine Abwärtsspirale geraten, in der sinkende Nachfrage auf sinkende Preise trifft, weil den Menschen schlicht das Einkommen fehlt, um von den niedrigeren Preisen überhaupt zu profitieren. Das ist der Kern dessen, was in der Ökonomie seit Jahren unter dem Stichwort technologische Arbeitslosigkeit diskutiert wird. Das Geld selbst würde sich in einem solchen Szenario nicht auflösen, aber seine Funktion könnte sich verschieben und zwar in zwei ziemlich unterschiedliche Richtungen. Historisch ist Produktivitätssteigerung durch neue Technik nicht zwangsläufig ein Problem gewesen, denn sie hat in der Vergangenheit oft neue Einkommen und neue Nachfrage erzeugt, etwa weil frei gewordene Arbeitskraft in neuen Berufen wieder Kaufkraft aufgebaut hat. Genau das war bei früheren Automatisierungswellen ein wesentlicher Teil der Geschichte, auch bei der meines eigenen Vaters. In diesem ersten Szenario würde Automatisierung zwar Preise senken, aber gleichzeitig neue Tätigkeiten und Einkommen schaffen, sodass sich die Kaufkraft insgesamt eher verschiebt als schrumpft.

Das zweite Szenario ist das, vor dem ich eigentlich Sorge habe, nämlich eine starke Substitution menschlicher Arbeit, der keine ausreichende neue Einkommensverteilung gegenübersteht. Wenn Preise fallen, während gleichzeitig große Teile der Bevölkerung ihr Einkommen verlieren und keine neuen Einkommensquellen finden, dann könnte der reale Wert des verbleibenden Geldes zwar steigen, weil man für dieselbe Summe mehr bekommt, aber eine Wirtschaft mit dauerhafter Deflation ist historisch instabil. Schulden werden dann real schwerer, Investitionen werden zurückgehalten, weil sich das Abwarten lohnt, wenn morgen ohnehin alles billiger wird. Ob wir eher in das erste oder das zweite Szenario laufen, hängt genau an der Frage, die mich in diesem ganzen Gedankengang umtreibt, nämlich ob es diesmal noch genügend neue Tätigkeiten für die Menschen gibt, die aus der alten Arbeit verdrängt werden. Zentralbanken müssten ihre Geldpolitik im zweiten Fall vermutlich grundlegend neu denken, weg von reiner Wachstumssteuerung hin zu einem System, das stärker die Verteilung von Kaufkraft im Blick behält.

Der Reflex zur Robotersteuer und seine Grenzen

Mein erster Gedanke war naheliegend und, glaube ich, auch der Gedanke vieler anderer Menschen, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Wenn Menschen für ihre Arbeit Steuern zahlen, Sozialabgaben leisten und einen erheblichen Teil ihres Einkommens an die Solidargemeinschaft abgeben, warum sollte das bei einem Roboter anders sein, der exakt diese Arbeit übernimmt. Die Logik hat etwas zutiefst Gerechtes an sich und sie ist auch keineswegs nur mein eigener Einfall. Bill Gates hat 2017 öffentlich genau diesen Vorschlag gemacht, eine Steuer auf Roboter zu erheben, die menschliche Arbeitsplätze ersetzen. Wenn die Steuerbasis eines Staates zu großen Teilen auf menschlicher Erwerbsarbeit beruht und diese Basis durch Automatisierung wegbricht, dann bricht mit ihr auch die Finanzierung von Rente, Gesundheitssystem und Bildung weg. Das ist kein moralisches Argument, sondern eine schlichte Funktionsfrage des Staates. Woher soll das Geld kommen, wenn die klassische Steuerbasis schrumpft.

Denkt man aber weiter käme diese Logik schnell an ihre Grenzen und diese Grenzen sind wortwörtlicher Natur. Das erste Problem ist die Definition. Was ein Roboter ist, lässt sich in der Praxis schwer ganz trennscharf festlegen. Ein Bagger ersetzt Muskelkraft, eine Tabellenkalkulation ersetzt Buchhalter, eine Waschmaschine ersetzt Wäscherinnen, ohne dass wir je auf die Idee gekommen wären, diese Maschinen gesondert zu besteuern. Die Grenze zwischen normaler Produktivitätssteigerung durch Maschinen, die es seit gut zweihundert Jahren gibt und gezielt zu besteuernder KI-Robotik ist in der Praxis kaum zu ziehen. Das zweite Problem ist die wortwörtliche Grenze. Was in Deutschland besteuert wird, kann anderswo produziert werden, wenn es sich um Güter handelt, die man bestellen und verschiffen kann. Roboter sind dabei sogar noch mobiler als klassische Fabrikgebäude, weil sie sich leichter demontieren, verlagern und andernorts wieder aufbauen lassen. Eine Robotersteuer bräuchte im Grunde internationale Koordination, ähnlich wie die globale Mindeststeuer für Konzerne, die selbst nach Jahrzehnten der Verhandlung nur unvollständig zustande gekommen ist. Ohne eine solche Koordination würde eine nationale Robotersteuer für global mobile Produktion am Ende vermutlich vor allem eines bewirken, nämlich dass die Produktion abwandert und die Wertschöpfung komplett verloren geht, statt hierzulande umverteilt zu werden. Ein Land, das Automatisierung besteuert, während andere Länder sie subventionieren, wie es China derzeit industriepolitisch tut, verliert schlicht an globaler Wettbewerbsfähigkeit.

Als Alternative wird in der ökonomischen Literatur häufig vorgeschlagen, nicht den Produktionsfaktor selbst zu besteuern, sondern den Gewinn, der durch die Automatisierung entsteht, also über eine höhere Kapitalertragsteuer, eine Vermögensteuer oder eine Verbreiterung der Mehrwertsteuer auf die durch Automatisierung günstiger gewordenen Güter. Der Vorteil liegt darin, dass man nicht definieren muss, was ein Roboter im Einzelfall ist, sondern dort ansetzt, wo der wirtschaftliche Vorteil tatsächlich anfällt, nämlich beim Unternehmensgewinn. Das verfolgt ökonomisch dasselbe Ziel wie eine Robotersteuer, nämlich die Umverteilung der Automatisierungsgewinne, ohne das Definitions- und Fluchtproblem einer expliziten Steuer auf die Maschine selbst.

Der Fliesenleger, der nicht wegziehen kann

An dieser Stelle kam mir ein Gedanke, der mir persönlich wichtig geworden ist, weil er eine Unterscheidung trifft, die in der öffentlichen Debatte oft untergeht. Beim Hausbau braucht man unter anderem einen Fliesenleger, dieser kann seine Arbeit nicht aus China erledigen lassen. Die Fliesen mögen dort produziert werden, aber verlegt werden müssen sie hier, in dem Haus, in dem sie gebraucht werden. Ortsgebundene Dienstleistungen wie Handwerk, Pflege oder Gastronomie vor Ort unterliegen einer ganz anderen Logik als global handelbare Güter. Sie können nicht einfach abwandern, weil Anwesenheit ihr eigentlicher Kern ist. Das eröffnet einen Gestaltungsspielraum, den man bei global mobilen Gütern schlicht nicht hat, weil die Fluchtgefahr, die bei der klassischen Robotersteuer das zentrale Gegenargument liefert, hier in weiten Teilen entfällt.

Aus diesem Unterschied heraus habe ich mir ein hybrides Modell überlegt, das nicht auf eine pauschale Robotersteuer setzt, sondern die Sache umdreht. Statt menschliche Arbeit weiterhin mit Lohnsteuer und Sozialabgaben zu belasten und Automatisierung vergleichsweise günstig davonkommen zu lassen, könnte man dort, wo reine menschliche Arbeit geleistet wird, gezielt steuerlich entlasten, während automatisierte Konkurrenz in denselben Bereichen stärker besteuert wird. Die Idee dahinter ist kein Verbot von Robotik, sondern eine bewusste Verschiebung des Kostenvorteils zugunsten der Handarbeit, gerade in den Bereichen, in denen Ausweichen ins Ausland ohnehin nicht möglich ist. Ansätze in diese Richtung gibt es im deutschen Steuerrecht in kleinerer Form bereits, etwa bei der Steuerabzugsfähigkeit von Handwerkerrechnungen nach Paragraf 35a Einkommensteuergesetz oder beim ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf bestimmte Handwerkerleistungen in einigen europäischen Ländern. Mein Gedanke wäre, dieses Prinzip deutlich konsequenter und in größerem Maßstab weiterzudenken.

Bevor ich das Modell weiter ausbaue, will ich aber offen zugeben, wo die eigentliche Schwierigkeit beginnt, nämlich bei der Frage, wo überhaupt die Grenze zwischen Mensch und Maschine verläuft. Nehme ich wieder den Hausbau, wir bräuchten auch einen Maurer, bei ihm reicht die Bandbreite dessen, was er heute schon einsetzt, von ganz einfachen Hilfsmitteln bis zu weitreichender Automatisierung. Ein Mörtelmischer nimmt ihm das Anrühren ab, ein Laser übernimmt das Ausrichten, eine digitale Vermessung ersetzt das Augenmaß, eine Hebehilfe trägt die schweren Steine, ein Exoskelett würde seinen Rücken unterstützen, ein halbautomatischer Mauerroboter setzte die Steine nach seiner Anweisung und ein vollständig autonomer Mauerroboter könnte am Ende die ganze Wand ohne ihn hochziehen. Zwischen dem ersten und dem letzten Punkt dieser Liste liegt eine lange Kette von Zwischenstufen und jede einzelne davon würde bei einem steuerlichen Modell die Frage aufwerfen, ab welchem Punkt die Arbeit nicht mehr überwiegend seine eigene ist. Diese Frage müsste von Anfang an mitgedacht werden, wenn man ein solches Modell ernsthaft ausgestalten will.

Damit ein solches System nicht in eine starre Entweder-oder-Logik verfällt, die der Realität kaum gerecht würde, müsste es abgestuft sein. Ein Handwerksbetrieb könnte selbst wählen, ob er seine Leistung als überwiegend menschlich oder überwiegend automatisiert deklariert und die steuerliche Vergünstigung würde sich an diesem Anteil orientieren. Hundert Prozent Handarbeit bedeutet volle Entlastung, ein hälftiger Mix bedeutet eine hälftige Vergünstigung, überwiegende Automatisierung bedeutet kaum noch einen Vorteil. Für Betriebe, für die sich Automatisierung ohnehin klar rechnet, weil die Skaleneffekte enorm sind, würde sich an ihrer Entscheidung nichts ändern, der Markt bliebe an dieser Stelle funktionsfähig. Für die vielen Fälle, in denen es knapp steht, könnte die Kalkulation zugunsten des Menschen kippen. Hier liegt für mich der Charme dieses Ansatzes, weil er über Anreize wirkt und nicht über Zwang und weil er im Gegensatz zu einer Verbotslösung keine Effizienzgewinne komplett verhindert, sondern nur den Schwellenwert verschiebt, ab dem sich Automatisierung wirtschaftlich lohnt.

Natürlich sehe ich auch die Schwierigkeiten, die ein solches Modell mit sich brächte. Man müsste den Automatisierungsanteil überhaupt erst verlässlich messen können und dabei bin ich inzwischen der Überzeugung, dass der Energieverbrauch der Maschinen dafür der falsche Maßstab wäre. Wer darauf abstellt, würde am Ende einfach Roboter, die wenig Energie brauchen, weil sie leichte, feinmotorische Tätigkeiten übernehmen, anders behandeln als Roboter, die schwere Lasten schleppen und dafür viel Energie verbrauchen, obwohl beide denselben menschlichen Arbeitsschritt ersetzen. Das wäre am eigentlichen Ziel vorbei gemessen. Sinnvoller erscheint mir, auf den Grad der Automatisierung selbst abzustellen und zwar über eine Zerlegung der Arbeit in ihre einzelnen Schritte. Nehme ich den Maurer als Beispiel, gibt es für das Mauern einer Wand einen relativ klaren Ablauf, mit gewissen Unterschieden je nach Material und Protokoll, aber die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich durchaus benennen. Für jeden dieser Schritte könnte man grob festlegen, welchen Anteil er an der Gesamttätigkeit ausmacht, nicht auf die Kommastelle exakt, aber mit vernünftiger Näherung. So eine Aufschlüsselung würde zunächst viel Arbeit bedeuten, aber genau hier könnte künstliche Intelligenz selbst helfen, indem sie die Auswertung der Daten übernimmt. So könnte ein Prozentsatz der Baustellen im Jahr stichprobenartig erfasst wird, wie dort tatsächlich gearbeitet wird und welcher Anteil auf Mensch und welcher auf Maschine entfällt und dieses Ergebnis dann auf die gesamte Branche hochskaliert wird. Bei dem Tempo, mit dem sich der technische Fortschritt an anderer Stelle vollzieht, halte ich das nicht für eine unlösbare Aufgabe, sondern für eine Frage der politischen Priorität, so etwas aufzubauen. Ein Betrieb könnte trotzdem versuchen, Arbeitsschritte künstlich als menschliche Endkontrolle zu deklarieren, um die Automatisierungsquote zu drücken, ohne dass dabei echter Mehrwert an Handarbeit entsteht. Man bräuchte deshalb Kontrollmechanismen ähnlich einer Betriebsprüfung bei der Umsatzsteuer, vielleicht sogar branchenspezifische Listen für Handwerksbetriebe, die eine gewisse Orientierung geben, welche Tätigkeiten typischerweise als überwiegend menschlich gelten und welche nicht, angelehnt an die Abstufung, die ich weiter oben am Beispiel des Maurers skizziert habe. Je granularer die Skala, desto mehr Grenzfälle wird es an den Übergängen geben und der Verwaltungsaufwand, der daraus entsteht, könnte gerade kleine Handwerksbetriebe überproportional belasten, wenn die Nachweispflicht zu kompliziert wird.

Ein Punkt, der mir bei alledem wichtig ist, betrifft die Finanzierung. Wenn Handarbeit steuerlich entlastet wird, fehlt das Geld ja trotzdem irgendwo. Die Subventionierung menschlicher Arbeit müsste letztlich aus demselben Topf finanziert werden, aus dem auch eine höhere Kapital- oder Automatisierungssteuer gespeist würde. Das Modell ist also eher eine gezielte Umlenkung innerhalb des bestehenden Steueraufkommens als eine zusätzliche Einnahmequelle und wer es vorschlägt, sollte diesen Zusammenhang auch offen benennen, statt so zu tun, als entstünde daraus zusätzliches Geld aus dem Nichts.

Wem gehören eigentlich die Roboter

Bei alledem ist mir aufgefallen, dass ich bisher vor allem über Arbeitnehmer, Handwerker, den Staat und die Steuerbasis gesprochen habe, aber kaum über eine Frage, die möglicherweise die fundamentalere ist. Wem gehören eigentlich die Roboter, die diese Arbeit übernehmen. Wenn heute hundert Menschen jeweils ein eigenes Einkommen aus ihrer Arbeit beziehen und morgen zehn Unternehmen die Maschinen besitzen, die dieselbe Produktion erledigen, dann verschiebt sich nicht nur, wer die Arbeit verrichtet. Es verschiebt sich vor allem, wem der wirtschaftliche Ertrag dieser Arbeit am Ende gehört.

Damit wird aus der Frage nach Arbeitslosigkeit eigentlich eine Frage nach Eigentum. Ist das eigentliche Problem der Automatisierung, dass es zu wenig Arbeit gibt, oder ist es vielmehr, dass sich die Produktivitätsgewinne bei wenigen Eigentümern von Kapital konzentrieren, während der Rest der Bevölkerung an dieser Wertschöpfung nicht mehr beteiligt ist. Hier zeigt, dass eine gestaffelte Besteuerung von Handarbeit gegenüber Automatisierung nur ein Teil der Antwort sein kann. Der andere Teil betrifft die Frage, wie Menschen, die selbst keine Roboter besitzen, trotzdem an dem Wohlstand beteiligt werden, den diese Roboter erzeugen, sei es über eine höhere Besteuerung von Kapitalerträgen, über eine breitere Kapitalbeteiligung der Bevölkerung an den Unternehmen, die automatisieren, oder über andere Umverteilungsmechanismen. An dieser Stelle berührt sich die Eigentumsfrage mit der Frage, wie viel der Staat regeln sollte, damit eine solche Beteiligung überhaupt zustande kommt.

Ist das das Ende liberaler Überzeugungen

Ein System, das steuerlich lenkt, welcher Anteil an Mensch und Maschine gesellschaftlich erwünscht ist, ist ohne Zweifel ein starker Eingriff. Ein liberaler Staat muss jedoch nicht neutral gegenüber jeder Technologie sein, er muss vor allem Regeln schaffen, unter denen Wettbewerb funktioniert und hier schließt sich der Kreis zur Eigentumsfrage von eben. Kartellrecht ist kein Bruch mit liberalem Denken, sondern die Voraussetzung dafür, dass Märkte überhaupt funktionsfähig bleiben und eine gezielte, anreizbasierte Steuerung von Mensch und Maschine verstehe ich im selben Sinne, nämlich als Regel, die verhindern soll, dass sich Produktivitätsgewinne einseitig bei wenigen Kapitaleignern konzentrieren, während der Rest der Gesellschaft leer ausgeht. Ob man das im engeren Sinne als ordnungspolitisch im Sinne von Walter Eucken bezeichnen kann, will ich nicht abschließend behaupten, das ist eine Einordnung, über die sich Ökonomen zu Recht streiten können. Für mich zählt vor allem, dass ein Wahlrecht mit gestaffelter Vergünstigung über Anreize wirkt und nicht über Zwang und dass der Markt dort wirksam bleibt, wo er tatsächlich Effizienzgewinne erzeugt. 

Was mir Bielefeld über Hoffnung erzählt

Am Ende dieses Gedankengangs stand für mich die Frage, ob ich in dieser ganzen Sache eher Optimist oder Pessimist sein sollte und da kam mir meine eigene Heimat in den Sinn. Bielefeld trägt den Beinamen Leinewebstadt aus gutem Grund. Hier wurden mechanische Webstühle eingeführt, lange bevor irgendjemand von künstlicher Intelligenz sprach und die sozialen Verwerfungen, die daraus entstanden, waren real und schmerzhaft. Die Leineweber gingen auf die Straße, weil ihre Existenzgrundlage von einem Tag auf den anderen bedroht war, ganz ähnlich wie die Ludditen im England derselben Epoche, die aus genau demselben Grund gegen mechanische Webstühle vorgingen.

Heute, fast zweihundert Jahre später, ist Bielefeld ein wirtschaftlich vergleichsweise starker Standort, der sich über mehrere Wellen des Strukturwandels hinweg immer wieder neu erfunden hat, von der Textilindustrie über den Maschinenbau bis zur heutigen Dienstleistungs- und Technologielandschaft. Die Handweber von damals sind verschwunden, aber die Region ist daran nicht zugrunde gegangen. Das gibt mir tatsächlich Hoffnung für die Wirtschaft als Ganzes, weil es zeigt, dass ein Gemeinwesen einen solchen Umbruch überstehen und am Ende sogar gestärkt daraus hervorgehen kann. Diese Beobachtung deckt sich im Übrigen mit dem größeren historischen Muster der industriellen Revolution insgesamt. Um 1800 arbeitete nach den Zahlen, die ich dazu gefunden habe, noch weit über die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland in der Landwirtschaft, grob sechzig von hundert. Heute liegt dieser Anteil bei etwas über einem Prozent, bei einem gleichzeitig massiv höheren Ertrag. Die dabei freigesetzte Arbeitskraft ist nicht in dauerhafter Arbeitslosigkeit verschwunden, sondern in neue Sektoren umgeleitet worden, zuerst in die Industrie, dann in den Dienstleistungssektor.

Der Umbruch der Leineweber dauerte eine bis zwei Generationen und für die Menschen, die damals direkt betroffen waren, war er oft eine persönliche Katastrophe ohne Aussicht auf Besserung innerhalb des eigenen Lebens. Die volkswirtschaftliche Erholung kam, aber sie kam für die Kinder und Enkel der Leineweber, nicht für die Leineweber selbst. Heute könnte die Geschwindigkeit dieses Wandels eine ganz andere sein, weil sich Software und Robotik in wenigen Jahren verbreiten lassen, wo früher Jahrzehnte für den Aufbau von Maschinenpark und Infrastruktur nötig waren, weil einmal entwickelte Systeme skalieren, ohne dass für jede neue Fabrik wieder bei null angefangen werden müsste. Anders als bei den Webstühlen, die im Kern eine einzelne Berufsgruppe trafen, könnte künstliche Intelligenz zudem gleichzeitig in Bau, Pflege, Gastronomie, Logistik und Verwaltung vordringen, sodass der eine rettende Sektor, in den man ausweichen könnte, diesmal fehlen könnte. Genau das ist der Punkt, an dem meine Skepsis ansetzt, wenn ich die heutige Debatte mit der Situation vor zweihundert Jahren vergleiche. Nicht die Breite der Betroffenheit an sich ist neu, aber ihre Gleichzeitigkeit über viele Branchen hinweg könnte es sein.

Ich glaube aber auch, dass wir heute über Werkzeuge verfügen, die es 1830 schlicht nicht gab. Es gab damals keine Arbeitslosenversicherung, keine organisierten Umschulungsprogramme, keine demokratische Mitbestimmung in der Form, wie wir sie heute kennen. Es wird also mehr davon abhängen, ob wir die politische Gestaltungskraft aufbringen, um die Übergangszeit für die konkret betroffenen Menschen kürzer und erträglicher zu machen, als sie es für die Leineweber war. Ich glaube, dass es sich lohnt, jetzt schon über Modelle wie eine gestaffelte, wahlbasierte Besteuerung von Mensch und Maschine nachzudenken, gerade dort, wo Ausweichen ins Ausland ohnehin nicht möglich ist, statt zu warten, bis die Verwerfungen längst da sind.