Zu gut geschrieben, um echt zu sein
Neulich habe ich beim Durchlesen eines eigenen Textes geschmunzelt, weil mir zwei Formulierungen aufgefallen sind, die ich vor zwei Jahren so nie gewählt hätte. Ich erinnerte mich daran, dass ich sie in letzter Zeit häufig gelesen habe. Im Internet wird inzwischen ein großer Teil der Texte von KI formuliert oder zumindest überarbeitet. Diese Texte haben ihre typischen Wendungen, die sich offenbar im Kopf festsetzen. Ich gehe davon aus, dass es vielen Menschen ähnlich geht, ohne dass sie es immer aktiv bemerken.
Natürlich wurde Sprache schon immer vereinheitlicht. Luther hat mit seiner Bibelübersetzung ganze Regionen sprachlich geprägt, der Duden hat normiert, was als richtig gilt und die Rechtschreibprüfung erledigt seit Jahrzehnten still den Rest. Der Einwand stimmt, dennoch unterscheiden sich Tempo und Zahl der Quellen. Luther brauchte Generationen, neben ihm standen unzählige andere Sprecher und Schreiber. Heute speisen wenige Modelle einen erheblichen Teil dessen, was täglich neu an Text entsteht, und sie tun es innerhalb weniger Jahre.
Besonders deutlich wurde mir das beim abendlichen Vorlesen. Meinem Sohn lese ich derzeit fast jeden Abend Geschichten vor. Bei einem der Bücher dachte ich nach wenigen Seiten, dass diese Formulierungen sehr typisch klingen, vor allem die vielen Gedankenstriche und Sätze die mit “Und” beginnen. Das war mir in einer Kindergeschichte in dieser Häufigkeit noch nicht untergekommen. Dann bin ich beim Lesen zusätzlich noch über ein Wort gestolpert, das an dieser Stelle von der Logik her nicht passte. Der Satz ergab so keinen Sinn (und das lag nicht am Schlafmangel der letzten Tage). Jeder aufmerksame Mensch hätte hier innegehalten, ein Lektor erst recht. Also habe ich die Seite mit den Angaben zur Produktion aufgeschlagen. Das Buch stammt ursprünglich aus dem Jahr 2022, wurde aber 2024 überarbeitet. Ob dabei eine KI im Spiel war, weiß ich nicht. Ein Lektorat kann den Text modernisiert haben, ebenso gut kann der Autor schon immer so geschrieben haben, lange bevor dieser Stil in der Breite auftauchte. Mir kribbelt es in den Fingern, die Ausgabe von 2022 zu besorgen und beide Fassungen nebeneinanderzulegen.
Mich beunruhigt dabei vor allem der Ort, an dem mir das aufgefallen ist. Kinderbücher sind die Stelle, an der Sprache weitergegeben wird, lange bevor ein Kind selbst lesen kann. Mein Sohn lernt, wie ein Satz klingt, wie eine Geschichte gebaut ist und mit welchen Worten man beschreibt, was jemand fühlt. Er prüft das nicht, er übernimmt es. Alles, was ich ihm vorlese, geht in seinen Sprachbestand über und zwar mit der doppelten Autorität dessen, was gedruckt im Buch steht und was der Vater vorliest. Maschinell geglättete Sprache verschiebt an dieser Stelle den Ausgangspunkt einer ganzen Altersgruppe in Richtung einer Sprache, die kaum Eigenheiten hat und deren Wendungen aus wenigen Quellen stammen.
Ich finde diesen Gedanken schlimm und ich sage das als jemand, der KI beruflich einführt, begleitet und überwiegend für nützlich hält. Bei einem Behördenschreiben oder einer Produktbeschreibung stört mich maschinelle Sprache wenig, da geht es um Information. Eine Kindergeschichte hat eine andere Aufgabe. Sie ist das Material, aus dem ein Kind seinen Sprachsinn baut und sie ist für viele Kinder der erste Kontakt mit einer Sprache, die über den Alltag hinausgeht. Genau an dieser Stelle ist Eigenart wertvoll, das schiefe Bild, das ungewöhnliche Wort, der Satz, der anders klingt als alles, was das Kind kennt. Ein Sprachmodell ist darauf gebaut, das Wahrscheinliche zu produzieren und damit fällt genau das weg, was ein Kind weiterbringt. Bei meinem eigenen Schreiben kann ich gegensteuern, weil ich bemerke, was mit mir passiert. Ein Vierjähriger hat diese Möglichkeit nicht, er nimmt die Sprache, die er bekommt.
Hinzu kommt das unlogische Wort, denn an solchen Stellen lernt ein Kind nebenbei, dass Sprache nicht immer stimmen muss. Ein Kinderbuch war bislang ein Gegenstand, bei dem ich davon ausgehen konnte, dass mehrere Menschen jeden Satz gelesen haben, bevor er gedruckt wurde. Diese Annahme möchte ich weiterhin treffen können. Darum halte ich für Kinderbücher eine Kennzeichnung maschineller Überarbeitung für einen interessanten Gedanken, ähnlich wie bei Übersetzungen, bei denen seit jeher dabeisteht, wer sie angefertigt hat. Eltern sollten beim Griff ins Regal erkennen können, ob der Text rein menschlich ist oder nicht, wobei hier auch die Verlag 100% menschlich als Verkaufsanreiz etablieren könnten.
Zum Gegenversuch habe ich Texte von mir in mehrere KI-Checker gegeben. Sie sind zwischen 2006 und 2018 entstanden, was ich über die Wayback Machine nachweisen kann, also lange vor ChatGPT. Mehrere dieser Texte wurden als KI-generiert eingestuft, je nach Programm mit einer Deutlichkeit, die eher nach Beleg klang als nach Vermutung. Am häufigsten traf es die Texte, in die ich viel Mühe gesteckt hatte und die eine hohe fachliche Tiefe aufweisen. Die Erklärung liegt in der Funktionsweise dieser Programme. Sie bewerten statistische Muster, etwa wie vorhersehbar ein Text ist oder wie gleichmäßig er gebaut ist. Damit erkennen sie Glätte, aber keine Herkunft. Wer sorgfältig arbeitet, glättet Brüche und vereinheitlicht Begriffe. Genau dadurch nähert sich der Text dem an, was Sprachmodelle erzeugen, die ja mit menschlichen Texten trainiert wurden. Fachsprache ist ohnehin formelhaft, juristische Texte sind es in besonderem Maß. Je mehr Sorgfalt in einem Text steckt, desto eher hält ihn die Software für maschinell, während ein holpriger Text mit persönlichen Einschüben als menschlich durchgeht.
Schwer wiegt dabei, wen es trifft. Wer in einer Fremdsprache schreibt, baut Sätze regelmäßig einfacher und greift häufiger zu festen Wendungen. Ähnlich geht es Menschen, die bewusst klar und verständlich schreiben, weil sie an ihre Leser denken. Beide Gruppen produzieren genau die Muster, die diese Programme für maschinell halten. Wer ein solches Werkzeug flächendeckend einsetzt, baut damit eine Benachteiligung ein, ohne sie zu bemerken.
Spätestens bei einer Bachelor- oder Masterarbeit wird das ernst. Ich stelle mir vor, ich hätte sie vollständig selbst geschrieben und das Prüfungsamt hielte mir das Ergebnis eines solchen Programms vor. Rechtlich dürfte ein solches Ergebnis allein kaum Verbindlichkeit haben, denn den Vorwurf einer Täuschung muss grundsätzlich belegen, wer ihn erhebt und ein Prozentwert ohne offengelegtes Verfahren und ohne bekannte Fehlerquote ist dafür ein schwaches Fundament. Studierende sind gut beraten, Entwürfe, Versionshistorie und Notizen zu sichern. Prüfende wiederum täten gut daran, das Gespräch über die Arbeit zu suchen, weil sich dort zeigt, ob jemand seinen Text durchdrungen hat.
Dieselbe Entwicklung erreicht gerade auch die Arbeitsverhältnisse. Bewerbungsunterlagen werden durch solche Programme geschickt, Berichte und Stellungnahmen ebenfalls. Damit wird aus einer Prüfungsfrage eine Frage der Verhaltenskontrolle, mit allem was daran hängt, von der Beteiligung der Mitarbeitervertretung bis zur Rechtsgrundlage für eine solche Auswertung. Ich habe bisher nur selten gesehen, dass diese Fragen vor der Einführung sauber beantwortet wurden. Meist wird ein Werkzeug beschafft, weil es verfügbar ist, und erst hinterher gefragt, was es eigentlich misst.
Am stärksten verändert hat sich durch all das mein eigenes Schreiben. Seit ich weiß, dass Glätte verdächtig macht, ertappe ich mich dabei, Formulierungen zu meiden, gegen die inhaltlich nichts spricht. Ich setze Gedankenstriche kaum noch, baue Sätze mitunter bewusst ungleichmäßiger und lasse sogar ab und an die eine oder andere Unebenheit stehen, die ich früher überarbeitet hätte. Das ist absurd, denn damit richte ich meinen Stil nach einem Prüfprogramm aus statt nach dem, worüber ich schreibe. Der Verdacht verändert mein Schreiben stärker als die Maschine es je getan hat.
Ein Text ist daran zu messen, ob er stimmt, und das kann kein Programm beurteilen, das Wahrscheinlichkeiten zählt. Wir haben uns Werkzeuge zugelegt, die Sorgfalt als Verdacht lesen und Nachlässigkeit durchwinken und richten unser Schreiben danach aus. Das unlogische Wort im Kinderbuch hätte keines dieser Programme gefunden. Ein aufmerksamer Leser schon, und genau deshalb lese ich meinem Sohn weiter jeden Abend selbst vor, wäre es derzeit nicht sein Lieblingsbuch, wäre das Verdachtsbuch übrigens längst entsorgt worden.