Warum eine eigene Website, wenn es LinkedIn schon gibt?

Bei rund 12.000 Followern auf LinkedIn hatte ich eigentlich mehr als genug Sichtbarkeit, aber eine Website erfüllt für mich ganz andere Aufgaben als mein dortiges Profil.

Auf LinkedIn erreichen einzelne Beiträge je nach Thema zwischen 1.500 und 10.000 Personen. Den Statistiken traue ich dabei nicht ganz, was das tatsächliche Lesen angeht. Ich vermute eher, dass viele den Beitrag gesehen oder kurz angeklickt haben, ohne ihn vollständig zu lesen. Ein LinkedIn-Post verliert zudem innerhalb weniger Tage praktisch seine gesamte Relevanz und erhält danach kaum noch Zugriffe.

Eine Website funktioniert anders. Ein Artikel, den ich heute veröffentliche, kann im Idealfall auch in zwanzig Jahren noch gefunden werden. Genau deshalb glaube ich, dass persönliche Websites häufig unterschätzt werden. Kurzfristig und mittelfristig verliert eine Website fast immer gegen LinkedIn. Langfristig spielt sie ihre Stärken aus, durch die Verlinkung von Inhalten untereinander, durch das Gesamtbild, das dabei entsteht, durch die Möglichkeit, das Design selbst zu bestimmen, sowie durch die Option, bei Bedarf auch Suchmaschinenoptimierung zu betreiben. Auch bei Vorträgen und Interviews lässt sich eine eigene Website deutlich passender erwähnen als ein Social-Media-Profil und ein QR-Code zur persönlichen Seite wirkt einfach stimmiger als einer zum LinkedIn-Profil. Für einzelne Vorträge, zu denen ich als Referent zu Datenschutzthemen eingeladen werde, baue ich inzwischen eigene kleine Unterseiten, auf denen ich Folien und weiterführende Informationen bereitstelle. Das muss nicht unbedingt auf der sichtbaren Hauptseite stehen.

Was soll die Website leisten?
Vor allem soll sie mir Freude bereiten. Sie ist in erster Linie ein Spaß- und Lernprojekt, mal mit der einen, mal mit der anderen Gewichtung, kein Geschäftsmodell mit festen Kennzahlen. Ich schreibe über das, was mich gerade beschäftigt, wobei „schreiben" eigentlich das falsche Wort ist. Die meisten Texte diktiere ich.

Seit ich Familienvater bin, nutze ich freie Minuten anders als früher. Früher habe ich mich bewusst an den Schreibtisch gesetzt und geschrieben. Heute entstehen viele Texte unterwegs. Während ich diese Antworten diktiere, schiebe ich gerade meinen jüngsten Sohn im Kinderwagen spazieren, während er gerade friedlich schlummert. So sieht mein Schreibprozess inzwischen häufig aus.

Warum schreibe ich eigentlich?
Ich habe schon immer gerne geschrieben, weil es meine Gedanken sortiert oder ich den kreativen Prozess genieße, mitunter beides zugleich.

Der Versuch, ein Problem in einem Artikel zu lösen, zwingt mich dazu, verschiedene Perspektiven einzunehmen, die Perspektive der Leserschaft, die vielleicht nicht in der Fachlichkeit steckt, ebenso wie die Perspektive einer Gegenseite, die die Sache anders sieht. Genau das schärft Gedanken. Um etwas für Dritte zu erklären, muss ich es selbst schon sehr klar durchdrungen haben. Wo mir diese Klarheit noch fehlt, entwickle ich sie beim Schreiben.

Damit ist die Seite durchaus mehr als ein reines Spaßprojekt, sie bringt einen echten beruflichen Mehrwert, wenn auch keinen direkten. Diese Schärfung der Gedanken hilft mir persönlich, fachlich und in der Gremienarbeit. Wer schreibt, überlegt automatisch, was die Gegenseite gegen das eigene Argument einwenden könnte, wie sich ein Argument noch verbessern lässt und wie man jemanden für eine Position gewinnen kann.

Für wen schreibe ich eigentlich?
Das ist einfach, nämlich für alle, die sich für das jeweilige Thema interessieren, unabhängig vom Vorwissen. Auch bei fachlich anspruchsvollen Themen versuche ich, eine Sprache zu wählen, die verständlich bleibt, selbst wenn jemand nicht tief in der Materie steckt. Genau hier sehe ich inzwischen einen echten Mehrwert im Lexikon. Wenn Begriffe dort hinterlegt sind, ließen sich Fachwörter im Text beim Darüberfahren direkt erklären, ohne dass jeder einzelne Artikel die Erklärung selbst mitliefern müsste. Das würde die eigentlichen Texte schlanker halten und trotzdem niemanden zurücklassen.

Wie viel Zeit steckt insgesamt in der Website?
Wahrscheinlich deutlich weniger, als viele vermuten.

Für Aufbau und Gestaltung der Website, ebenso wie für die begleitenden LinkedIn-Elemente, sind ungefähr zehn Stunden zusammengekommen. Drei Nächte, in denen ich früh wach war, dazu noch etwas Feinarbeit zwischendurch. Nach grober Schätzung sind inzwischen rund einhundert Artikel auf der Seite entstanden, eine genaue Zahl kenne ich ehrlich gesagt nicht.

Die Artikel selbst entstehen mit ungefähr einer Stunde pro Beitrag, durch Diktat und in der Regel nur eine Korrekturlesung.

Wie entsteht ein Artikel?
Die Ideen entstehen bei mir nicht durch gezielte Themensuche, sondern aus meinem Berufsalltag, aus Fortbildungen, aus Konferenzen, aus Unterhaltungen beim Sport oder manchmal auch aus dem Familienalltag.

Weil ich ohnehin tief im Thema stecke, dauert ein Artikel meistens nicht länger als eine Stunde. Ich diktiere den Text, lese ihn einmal Korrektur und veröffentliche ihn. Mehr steckt in der Regel nicht dahinter. Sofern die Texte professionell wirken, liegt weniger am Zeitaufwand als am Umstand, dass ich ausschließlich über Themen schreibe, mit denen ich mich ohnehin gerade intensiv beschäftige. Und ich schreibe für Menschen, nicht für Algorithmen.

Gibt es einen Artikel, der besonders schwergefallen ist?
Es gibt einige, die mir schwergefallen sind, allerdings haben es die meisten davon gar nicht erst zur Veröffentlichung geschafft. Ich fange normalerweise damit an, meine Gedanken zu sortieren und daraus einen ersten Entwurf zu entwickeln. Wenn ich merke, dass es an einer Stelle hakt, wandert der Text auf eine große Halde und kommt von dort in der Regel auch nicht mehr herunter. Entsprechend gibt es viele Kurzentwürfe, die nie das Tageslicht erblickt haben.

Welcher Artikel hat am meisten überrascht?
Ich hätte nie erwartet, dass ausgerechnet ein Artikel zum Empowering im Juli der erfolgreichste Beitrag des Monats wird. Ehrlich gesagt war ich mir zunächst sogar unsicher, ob ich das Thema als Mann überhaupt aufgreifen sollte. Umso mehr hat mich das positive Interesse überrascht.

Welche Themen funktionieren bisher weniger gut?
Das Lexikon, aber das überrascht mich überhaupt nicht. Ich habe dort bisher nur wenige Einträge eingestellt und investiere meine Zeit lieber in aktuelle Gedanken und Fachartikel als in Definitionsarbeit. Ein kleines Lexikon lässt sich kaum sinnvoll verlinken und bringt auch für die Suchmaschinenoptimierung wenig. Das liegt also weniger an mangelndem Interesse als schlicht daran, dass ich dort bisher keine Ressourcen investiert habe.

Ein Lexikon aufzubauen ist ehrlich gesagt Fleißarbeit und bei den aktuellen Besucherzahlen der Seite bin ich noch nicht bereit, meine knappe Freizeit dafür einzusetzen. Perspektivisch kann ich mir aber vorstellen, diesen Bereich stärker mit KI-Unterstützung zu bearbeiten, das dürfte deutlich ressourcenschonender sein.

Wie reagiert das berufliche Umfeld auf die Website?
Total spannend finde ich, dass ich innerhalb des Landeskirchenamts immer wieder auf Inhalte angesprochen werde, die ich hier veröffentliche. Offenbar gibt es eine Sichtbarkeit, die ich so nicht erwartet hätte. Die Website selbst habe ich im beruflichen Umfeld nie aktiv beworben, lediglich über LinkedIn geteilt. Die Personen, die mich auf einzelne Artikel ansprechen, sind aber zum Teil gar nicht bei LinkedIn aktiv. Das ist für mich ein klares Zeichen, dass sie auf anderen Wegen zur Seite gefunden haben.

Wird für Suchmaschinen geschrieben?
Bis heute habe ich praktisch keine Suchmaschinenoptimierung betrieben. Falls ich irgendwann optimiere, dann für KI-Systeme und nicht für klassische Suchmaschinen. Immer mehr Menschen stellen ihre Fragen inzwischen direkt an ChatGPT, Claude oder Perplexity, ich glaube, dass sich die Prioritäten in diese Richtung verschieben werden. Der klassische Weg über Google bleibt relevant, verliert aber an Gewicht.

Mir wäre wichtiger, dass Menschen über KI-Systeme auf hilfreiche Inhalte stoßen, als dass ich bei einer klassischen Google-Suche möglichst weit oben erscheine. Wenn KI meine Inhalte als vertrauenswürdige Quelle einordnet und darauf verweist, ist das für mich langfristig wahrscheinlich wertvoller.

Spielt die Website eine Rolle für die berufliche Positionierung?
Bisher habe ich die Website überhaupt nicht dafür gedacht, mich beruflich zu positionieren. Natürlich würde ich mir wünschen, mit der Seite positive Veränderungen anzustoßen, auch wäre es begrüßenswert, wenn Executive Search für Beiratsmandate zufällig über mich stolpern würde. Damit meine ich ein Mandat, bei dem man in regelmäßigem Abstand für einige Stunden ein Unternehmen, eine Stiftung oder eine Institution voranbringt, nicht hauptberuflich, gerne auch gegen Bezahlung.

Eine konsequente Ausrichtung in diese Richtung würde aus dem Projekt schnell eine Kommerzialisierung machen, mit allen Vor- und Nachteilen. Dann müsste ich mich um Suchmaschinenoptimierung kümmern, worauf ich schlicht wenig Lust habe. Das Schöne an der Seite ist gerade, dass sie ein Projekt ohne Druck bleibt. Was mir durch den Kopf geht, schreibe ich, den Rest lasse ich.

Warum sich zu Themen positionieren, obwohl das gerade im kirchlichen Kontext angreifbar machen kann?
Wer sich zu kontroversen Themen äußert, macht sich damit natürlich angreifbar, das gilt im kirchlichen Kontext besonders. Für mich gilt dabei eine klare Linie. Ich gebe niemals Internas heraus und ich greife auch niemanden an. Ich benenne Potenziale, ohne dabei vorzugeben, dass etwas unbedingt so gemacht werden muss. Stattdessen bringe ich persönliche Sichtweisen ein, von denen ich überzeugt bin, dass sie für keinen meiner Arbeitgeber schädlich sind.

Bei der Arbeit habe ich außerdem wiederholt Leitungspersonen aus dem Personal- und Kommunikationsbereich gefragt, ob solche Beiträge in Ordnung gehen. Ich kommuniziere dabei offen, dass mich jeder direkt ansprechen kann, sollte einmal etwas als problematisch angesehen werden.

Dazu kommt, dass ich ohnehin nicht überwiegend über Kirche schreibe. Die meisten meiner Texte entstehen aus einer wirtschaftlichen Perspektive, denn ich bin noch kein Jahr beruflich in der Kirche tätig, während ich viel länger im Bereich Change und Digitalisierung in der Wirtschaft gearbeitet habe und dort weiterhin aktiv bin, etwa bei einem IT-Unternehmen. Vieles davon lässt sich zwar auch auf Kirche übertragen, weil ähnliche Potenziale dort ebenso zu heben sind wie in der freien Wirtschaft. Insgesamt sehe ich deshalb gar nicht so viel Angriffsfläche, wie man vermuten könnte. Es dürfte auch deutlich werden, dass ich meiner Kirche nicht schaden will und bei Fragen rund um Change einen grundsätzlich allgemeinen Blick habe, keinen, der speziell auf Kirche zielt.

Was würde ich heute anders machen?
Eigentlich fällt mir dazu nicht viel ein, weil die Website ein Spaß/Experimentiertprojekt ist. Wobei zwei Punkte kommen mir gerade doch in den Kopf. Was ich definitiv anders mache: regelmäßige Backups. Irgendwann habe ich es geschafft, die Website in einer nächtlichen Bastelaktion praktisch komplett zu löschen. Zum Glück ließ sich alles wiederherstellen, aber ein paar Flüche hat mich das schon gekostet. Seitdem weiß ich, dass Experimentierfreude und Datensicherung gut zusammenpassen.

Was ich konkret inhaltlich anders machen würde, wäre etwas mehr Zeit in die Grundstruktur zu stecken, also in die Planung der Seite. Ich sage selbst gerne, dass Struktur vor Tempo gehen sollte und bei der Website habe ich genau das Gegenteil gemacht. Ich habe sie superschnell aufgesetzt und direkt losgelegt.

Ich habe dabei bei null angefangen und im Grunde den kreativen Schaffensfluss genutzt. Was mir gerade durch den Kopf ging, kam in die Seite hinein. Was der Seite dadurch fehlt, ist ein roter Faden. Ich habe bisher keine thematischen Cluster gebildet, was ich für die Leserschaft eigentlich tun müsste. Hätte ich das von vornherein bedacht, hätte ich mir vermutlich vorgenommen, hier zehn Artikel, dort fünf und dort wieder zehn und hätte dann gezielt die passenden Artikel verfasst.

Andererseits wäre das Ergebnis dann vielleicht auch deutlich anders ausgefallen. Die jetzige Arbeitsweise fühlt sich leicht an, fast spielerisch, ein Gedanke kommt und wird einfach ausformuliert. Diese Leichtigkeit hätte eine von vornherein geplante Struktur möglicherweise gekostet.

Sind neue Formate für die Website geplant?
Sobald die Besucherzahlen steigen, würde ich gerne eine Umfrage einbauen, die ich selbst programmiere. Bei anderen Projekten habe ich außerdem sehr gute Erfahrungen mit Interviewformaten gemacht, ein Bereich mit offenen Fragen auf der Seite würde mich reizen. Bei diesen Projekten hatte ich allerdings auch deutlich höhere Besucherzahlen als aktuell auf dieser Seite. Entsprechend ist das eher eine Idee für später als für die nächsten Wochen.

Das Programmieren würde ich dabei bewusst selbst übernehmen, nicht in Auftrag geben. Genau das ist für mich das Schöne an einem solchen Projekt, dass man selbst etwas programmieren und gestalten kann und dabei auf spielerische Art im eigenen Thema fit bleibt. Ein Programmierer oder Designer werde ich dadurch nie werden. Solche kleinen Projekte schärfen aber die eigenen Fähigkeiten in diesem Bereich, wodurch ich mich im beruflichen Kontext besser mit Fachleuten austauschen kann, ohne selbst deren fachliche Professionalität erreichen zu müssen. Gerade bei Themen, die interdisziplinäre Arbeit und verschiedene Perspektiven verlangen, hat sich das für mich als wertvoll erwiesen. Wer sich im IT-Recht bewegt, profitiert davon, selbst ein wenig IT zu verstehen. Damit meine ich weder das bloße Bedienen eines Computers noch das Programmieren einer eigenen App. Gemeint ist etwas dazwischen, eine Website selbst pflegen zu können, eine Umfrage selbst zu programmieren. Auch das LinkedIn-Banner habe ich in diesem Sinn selbst gemacht, wobei ich dafür intensiv mit KI zusammengearbeitet habe. Genau das gehört für mich zum lebenslangen Lernen dazu, dass ich neue Techniken einbinde und auch beim Coding mit KI zusammenarbeite. Wichtig ist mir dabei, dass ich verstehe, was die KI tut. Ich muss den Code lesen können und einschätzen können, was es technisch bedeutet, wenn ich ihn einfüge.

Eine weitere Idee ist, persönliche Texte selbst einzusprechen. Bei Fachartikeln reizt mich das nicht, die kann ohnehin jeder lesen, dafür will ich keinen Podcast daraus machen. Bei den persönlichen Texten fände ich es aber spannend, die eigene Stimme als zusätzliche Option neben dem geschriebenen Text anzubieten.

Was soll in einem Jahr erreicht sein?
Pro Tag zwischen 600 und 1.000 gelesene Artikel wären toll, das wäre zwei bis dreimal so viel wie derzeit. Viel, viel wichtiger jedoch sind mir zufriedene Kinder, eine glückliche Familie und Gesundheit. Die Website spielt dabei eine absolut untergeordnete Rolle. Sie ist ein schönes Projekt, aber nicht das Wichtigste. Ich lerne am meisten, wenn ich Dinge selbst ausprobiere, dafür ist diese Website ein hervorragendes Experimentierfeld. Falls die Seite in einigen Jahren eine Sammlung von Gedanken ist, auf die ich selbst noch gerne zurückblicke und aus der andere etwas mitnehmen können, dann hat sie ihren inhaltlichen Zweck mehr als erfüllt.