Warum die Ranglisten der KI-sicheren Berufe in die Irre führen

Man liest es inzwischen fast wöchentlich. Irgendwo erscheint eine Rangliste, die Berufe danach sortiert, wie sicher sie vor KI sind. Oben stehen in der Regel Maurer, Dachdecker, Elektriker und die Beschäftigten in der Fertigung, ganz unten landen Grafikdesigner, Übersetzer, Anwälte und Steuerberater. Manche dieser Tier-Listen sind mit Farbskalen von Grün bis Rot aufwendig gestaltet und vermitteln eine Genauigkeit, die es schlicht nicht gibt. Ich halte diese Listen für falsch. Über einzelne Einstufungen ließe sich streiten. Mein Einwand gilt der Annahme, man könne heute schon seriös sagen, welcher Beruf in zehn Jahren noch gebraucht wird und welcher nicht. Beruflich begleite ich die Einführung von KI-Systemen juristisch, bis hin zu telefonischen Sprachassistenten. Aus dieser Nähe lässt sich gut beobachten, wo KI gegenwärtig eingesetzt wird und wo sie dort funktioniert. Eine Prognose über ganze Berufsbilder lässt sich daraus nicht gewinnen, die Erfahrungen der letzten Jahre mahnen eher zur Vorsicht. Ergiebiger ist die Frage, welche Tätigkeiten innerhalb eines Berufs automatisiert werden und welchen Wert der Mensch jenseits dieser Tätigkeiten behält.

Nehmen wir das Mauern. Eine Wand hochzuziehen ist kein einfacher Beruf. Gleichwohl folgt die Arbeit klaren Regeln, Steinformat, Verband, Lot und Fugenbild sind festgelegt und mit genau dieser Regelhaftigkeit kommen Maschinen gut zurecht. Dass der Maurer auf den Listen weit oben steht, hat deshalb wenig damit zu tun, dass seine Arbeit für eine KI zu anspruchsvoll wäre. Es liegt daran, dass die Robotik, vor allem jene abseits von Fließbändern, bislang langsamer vorankommt als die Software. Was uns Menschen schwerfällt, etwa eine Schachpartie oder das Durchdringen eines Steuergesetzes, gelingt Maschinen vergleichsweise leicht, während das, was jedes Kind beherrscht, für sie außerordentlich schwer ist. Einen unebenen Stein sicher zu greifen oder über eine Baustelle mit Pfützen und herumliegenden Kabeln zu gehen, gehört zu diesen Dingen.

Dieser Rückstand ist zunächst technischer Natur. Ob und wie schnell er verschwindet, lässt sich allerdings nicht seriös vorhersagen. Als dauerhafte Schutzmauer um bestimmte Berufe taugt er gerade deshalb nicht. Mauerroboter gibt es bereits, in Australien setzt das System Hadrian X Rohbauten aus großformatigen Blöcken, in den USA arbeitet der halbautomatische Roboter SAM seit einigen Jahren an der Seite von Maurern. Hinzu kommt eine Entwicklung, die viele Listen noch gar nicht abbilden. Roboter werden zunehmend mit lernenden Systemen ausgestattet, die Bewegungen aus Beobachtung übernehmen und nicht mehr für jeden Handgriff einzeln programmiert werden müssen. Wie weit das in der Praxis trägt, ist offen. Wer heute einen Beruf für sicher erklärt, weil Roboter ihn bisher nicht beherrschen, beschreibt allenfalls einen Zwischenstand.

In der Fertigung kommt etwas hinzu. Industrieroboter arbeiten dort seit den Sechzigerjahren, am Fließband sind sie längst Alltag. Die Arbeitsplätze, die heute noch von Menschen besetzt sind, sind deshalb häufig genau die, an denen die klassische Automatisierung bisher gescheitert ist. Es sind Tätigkeiten mit hoher Varianz, mit kleinen Losgrößen oder mit einem Bedarf an Feinmotorik, für die sich die Programmierung einer starren Maschine nie gelohnt hat. Wer diese Restarbeitsplätze für sicher hält, übersieht, dass lernende Systeme gerade an diesen Lücken ansetzen. Ein Roboter, der eine neue Aufgabe durch Vormachen lernt, könnte die Rechnung für viele Kleinserien grundlegend verändern.

Richtig ist allerdings, dass Veränderungen in der physischen Welt deutlich langsamer ablaufen als in der digitalen. Eine Software lässt sich ohne nennenswerte Zusatzkosten millionenfach kopieren und über Nacht ausrollen. Ein Roboter muss gebaut, transportiert, gewartet und auf jede einzelne Baustelle gebracht werden und Baustellen sind unaufgeräumte, ständig wechselnde Umgebungen. Dazu kommen hohe Anschaffungskosten und ungeklärte Haftungsfragen. Der Fachkräftemangel sorgt zudem dafür, dass Maschinen im Handwerk zunächst eher fehlende Hände ersetzen als vorhandene Menschen verdrängen. Der größere Effekt dürfte ohnehin ein indirekter sein. Je mehr Bauteile in Werkshallen vorgefertigt werden, desto weniger Arbeit bleibt auf der Baustelle übrig, ohne dass dort jemals ein Roboter gestanden hätte. Am längsten von Menschen geprägt bleiben dürfte ausgerechnet das Unstandardisierte. Der Elektriker, der in einem verwinkelten Altbau aus den Zwanzigerjahren alte Leitungen aufspüren muss, hat es mit weit mehr Unvorhersehbarem zu tun als der Maurer im Neubaugebiet. Eine Rangliste, die beide pauschal unter „Handwerk“ einsortiert, hat damit bereits grundlogische Lücken. Für eine KI-Prognose ist „Handwerk“ schlicht keine brauchbare Kategorie.

Am anderen Ende der Listen ist das Bild ebenso schief. Anwälte, Steuerberater, Übersetzer und Grafikdesigner werden dort regelmäßig als Auslaufmodelle geführt. Wahr ist daran, dass KI in der Wissensarbeit früher und schneller wirkt, weil sie dort keinen Roboterkörper braucht. Ersetzt werden dabei bislang überwiegend Tätigkeiten und keine ganzen Berufe. Die Recherche in Datenbanken, der Entwurf eines Standardvertrags, die Vorkontierung von Belegen oder die erste Skizze für ein Plakat lassen sich heute in erheblichem Umfang an Maschinen abgeben. In meiner eigenen Arbeit als Jurist schätze ich den Effizienzgewinn durch KI auf zehn bis zwanzig Prozent. Das ist spürbar und es verändert die Arbeit. Trotzdem ist es weit entfernt von der Vorstellung, der Beruf werde in absehbarer Zeit überflüssig.

Der Grund liegt in dem, was neben der eigentlichen Textproduktion zum Beruf gehört. Ein Anwalt haftet für seinen Rat und muss dafür eine Berufshaftpflichtversicherung unterhalten. Er trägt die Verantwortung gegenüber dem Mandanten und vor Gericht. Das Rechtsdienstleistungsgesetz bindet die rechtliche Prüfung im konkreten Einzelfall an eine Befugnis, wenngleich der Bundesgerichtshof einen Vertragsgenerator für Verbraucher bereits aus diesem Rahmen herausgenommen hat (Urteil vom 9. September 2021, I ZR 113/20). Standardisierte Rechtshilfe ist der Anwaltschaft damit keineswegs grundsätzlich vorbehalten. Geschützt bleibt vor allem der Rat, für den jemand geradestehen muss. Wer in einem Konflikt steckt, braucht jemanden, der eine Strategie entwirft, kommuniziert, anpasst, verantwortet und notfalls dafür einsteht. Diese Verantwortung lässt sich nicht an ein System delegieren, das niemand zur Rechenschaft ziehen kann. Hier liegt der Wert des Menschen jenseits der einzelnen Tätigkeit. Innerhalb der Berufe verläuft die Linie deshalb sehr unterschiedlich. Eine Steuerkanzlei, deren Geschäft überwiegend aus Routinebuchhaltung besteht, ist erheblich stärker betroffen als eine, die in Betriebsprüfungen und Gestaltungsfragen berät. Der Prozessanwalt steht anders da als jemand, der vor allem Musterverträge anpasst. Eine Liste, die den gesamten Berufsstand mit einer einzigen roten Markierung versieht, sagt über diese Unterschiede nichts aus.

Wie wenig sich selbst aus einem gelungenen KI-Einsatz für die Zukunft eines Berufs ableiten lässt, zeigt das Beispiel Klarna. Der schwedische Zahlungsdienstleister verhängte im Dezember 2023 einen Einstellungsstopp für fast alle Bereiche außer der Softwareentwicklung. Ende Februar 2024 meldete das Unternehmen, sein mit OpenAI entwickelter KI-Assistent habe im ersten Monat 2,3 Millionen Gespräche geführt und damit zwei Drittel aller Kundenservice-Chats übernommen (Pressemitteilung von Klarna). Nach eigener Schätzung entsprach das der Arbeit von rund 700 Vollzeitkräften. Diese Zahl ist eine Hochrechnung eingesparter Arbeitszeit, zumal Klarna seinen Kundenservice zu großen Teilen an externe Dienstleister vergeben hatte. Für viele Beobachter war sie trotzdem der Beweis, dass der Kundenservice als Beruf erledigt sei. Im Mai 2025 räumte Vorstandschef Sebastian Siemiatkowski gegenüber Bloomberg ein, die KI arbeite zwar günstiger, die Qualität des Service habe aber gelitten. Klarna kündigte an, wieder Menschen im Kundenservice einzusetzen, zunächst in einem Pilotprojekt mit flexibel und aus der Ferne arbeitenden Kräften. Kunden sollen jederzeit die Gewissheit haben, mit einem Menschen sprechen zu können (Bericht bei Entrepreneur).

Man sollte diesen Fall nicht als Scheitern der KI lesen. Klarna setzt die Technik weiterhin ein und spricht selbst von einem zweigleisigen Ansatz, bei dem die Maschine die Routine übernimmt und für komplexere Anliegen wieder Menschen bereitstehen. Das ist genau die Trennung zwischen Tätigkeit und Beruf, die in den Ranglisten fehlt. Lehrreich ist der Fall außerdem, weil er zeigt, wie unzuverlässig der Schluss vom Möglichen auf das Sinnvolle ist. Dass eine KI zwei Drittel der Gespräche technisch abwickeln kann, sagt noch nichts darüber, ob Kunden damit zufrieden sind, ob die Marke darunter leidet oder ob die eingesparten Kosten an anderer Stelle wieder auftauchen. Ein Unternehmen, das für seine Automatisierung gefeiert wurde, ist innerhalb von gut einem Jahr einen Teil des Weges zurückgegangen. In einer Rangliste von 2024 hätte der Kundenservice tiefrot gestanden und diese Einstufung hätte sich ausgerechnet am bekanntesten Beispiel als voreilig erwiesen.

Es gibt allerdings Arbeit, bei der ich selbst immer einen Menschen bevorzugen würde, ganz unabhängig davon, was eine Maschine technisch leisten könnte. Wenn mir ein Goldschmied ein Schmuckstück anfertigt oder ein Künstler ein Bild malt, kaufe ich mehr als das Ergebnis. Ich kaufe die Entstehung mit, das Wissen, dass jemand sein Können und seine Zeit in genau dieses Stück gelegt hat. Das klingt vielleicht sonderbar, aber solche Dinge wirken auf mich beseelter als alles, was eine Maschine oder eine KI hervorbringt. Die Konsumforschung hat für dieses Empfinden einen Namen und spricht vom Handmade-Effekt. Käufer schreiben handgefertigten Gegenständen eine Art übertragene Zuwendung des Herstellers zu und wählen sie deshalb gern als Geschenk für nahestehende Menschen. 

Daraus ergibt sich eine Gruppe von Tätigkeiten, die in den gängigen Listen kaum vorkommt. Ihre Sicherheit beruht weder darauf, dass sie technisch schwer zu automatisieren wären, noch darauf, dass sie besondere Verantwortung tragen. Sie beruht darauf, dass die menschliche Herkunft selbst Teil dessen ist, was gekauft wird. Diesen Wert kann eine Maschine prinzipiell nicht liefern, so gut sie arbeitet. Ehrlicherweise gilt das vor allem im oberen Marktsegment. Der überwiegende Teil des Schmucks wird schon heute industriell gefertigt und in den meisten Wohnungen hängen Drucke statt Originale. Vermutlich wird es so verlaufen wie beim Brot oder bei Möbeln, wo die Masse maschinell und günstig hergestellt wird und das Handgemachte seltener und gerade dadurch wertvoller geworden ist. Bei handwerklichen Produkten ist die Herkunft aus Menschenhand längst ein Verkaufsargument. Küchenmesser und Uhren werden ausdrücklich als handgefertigt beworben und genau diese Angabe rechtfertigt einen Teil des Preises. Eigens gesetzlich geschützt ist der Begriff in Deutschland allerdings nicht. Grenzen setzt im Wesentlichen das Irreführungsverbot des § 5 UWG. Für Bilder, Texte oder Entwürfe fehlt eine vergleichbare Angabe bislang. Dort gibt es Kennzeichnungen bisher nur in der umgekehrten Richtung, denn der EU AI Act verpflichtet Anbieter bestimmter KI-Systeme, synthetisch erzeugte Inhalte maschinenlesbar zu markieren. Ich halte es für denkbar, dass kreative Arbeit künftig ebenso mit dem Hinweis auf menschliche Urheberschaft beworben wird wie heute ein geschmiedetes Messer. Offen ist dabei, was ein solcher Hinweis dann noch umfasst. Ein von Hand geschmiedetes Messer, dessen Form eine KI entworfen hat, dürfte nach heutigem Verständnis weiterhin als handgefertigt gelten, weil sich die Angabe auf die Herstellung bezieht und nicht auf den Entwurf. Maßgeblich ist allerdings, was die angesprochenen Verbraucher unter der Angabe verstehen. Diese Verkehrsauffassung kann sich verschieben, wenn KI-Entwürfe alltäglich werden. Ob die Angabe dann noch trägt oder bereits in die Irre führt, steht juristisch auf Messers Schneide.

Mein Vorbehalt gegen die Ranglisten hat darum eine praktische Seite. Sie verleiten Menschen zu Entscheidungen, die auf einer Sicherheit beruhen, die niemand liefern kann. Wer einer jungen Frau rät, Maurerin statt Grafikdesignerin zu werden, weil eine Liste das nahelegt, gibt ihr eine Prognose mit auf den Weg, deren Haltbarkeit niemand kennt. Brauchbarer erscheint mir ein anderer Blick. Für den eigenen Beruf lässt sich sehr genau fragen, welche Tätigkeiten heute schon von Maschinen übernommen werden und wo Unternehmen damit wieder zurückrudern. Ebenso lässt sich fragen, was an der eigenen Arbeit jenseits dieser Tätigkeiten liegt, ob es die Verantwortung ist, die man trägt, oder der Wert, den andere gerade darin sehen, dass ein Mensch die Arbeit gemacht hat. Diese Beobachtung ist mühsamer als ein Blick auf eine Farbskala und sie muss regelmäßig wiederholt werden, weil sich das Bild mit jeder neuen Modellgeneration und jedem gescheiterten Projekt verschiebt. Dafür beruht sie auf Erfahrung statt auf Vermutung. Ich traue niemandem, der heute mit Gewissheit sagt, welcher Beruf in zehn Jahren verschwunden sein wird.