Eine Frage von vor viertausend Jahren
Nach einem sumerischen Mythos aus dem Zweistromland erschaffen die Götter die ersten Menschen als Arbeitskräfte. Später wetten die Götter Enki und Ninmah, wer die besseren Schicksale für unvollkommen geformte Menschen finden kann. Für jeden von Ninmahs Geschöpfen mit einer Einschränkung findet Enki ein Amt am Königshof. Dann formt Enki selbst ein letztes gänzlich unfähiges Wesen und fordert Ninmah heraus, auch für dieses eine Beschäftigung zu finden. Sie scheitert, zumindest zunächst. Was danach genau geschieht, lässt sich aus der beschädigten Tontafel nicht mehr sicher rekonstruieren.
Ich habe diese Geschichte zum ersten Mal in einer Andacht gehört. Am selben Tag wurde ich auf meine Stiftungsarbeit angesprochen und dachte kurz, das sei ein Text für den Tag der Stiftung. Aber die Geschichte handelt nicht von Stiftungen, sondern von der Frage, wie jeder Mensch für die Gesellschaft wertvoll sein kann. Die Erzählung steht auf Tontafeln aus dem Zweistromland und ist damit älter als die meisten Texte, die wir kennen. Am Anfang wird der Mensch nicht aus Liebe geschaffen. Er wird geschaffen, weil die Götter selbst müde sind. Die unteren Götter graben Kanäle, sie schleppen Lehm, sie klagen über ihr Leben. Also formt Enki, der Gott der Weisheit, aus Lehm ein Wesen, das ihnen die Last abnehmen kann. Der erste Mensch ist reine Arbeitskraft.
Dann, an einem Abend, trinken Enki und die Göttin Ninmah zusammen Bier. Das Bier macht die Zungen leicht und Ninmah wirft eine Behauptung in den Raum. Sie sagt, ob ein Mensch gut oder schlecht gerät, liege allein in ihrer Hand. Enki widerspricht nicht, er fühlt sich vielmehr herausgefordert. Was auch immer sie forme, er werde einen Platz dafür finden.
Und Ninmah formt. Ein Mann mit kraftlosen Händen, die sich nicht schließen können. Ein Mann, dessen Augen dem Licht nicht folgen. Eine Frau, die nie ein Kind wird austragen können. Jedes Mal sieht Enki genau hin, und jedes Mal findet er ein passendes Amt. Der Mann mit den schwachen Händen wird Diener am Königshof, man sieht ihn förmlich, wie er mit vorsichtigen, unvollkommenen Gesten dennoch seinen Dienst verrichtet. Der Mann mit den unsteten Augen wird Musiker am Hof, sein Spiel klingt künftig durch die Hallen, während er in der Gegenwart des Königs steht. Die Frau, die nicht gebären kann, findet ihren Platz im Haushalt des Königs, mitten im geschäftigen Klang eines Hofes, der sie nicht ausschließt. Immer die gleiche knappe Formel dabei, Enki bestimmt ein Schicksal und gibt Brot dazu. So wiederholt es der Text bei jedem von ihnen.
Es ist ein sehr schönes und starkes Bild, auch wenn es kein historischer Beleg dafür ist, wie die Gesellschaft in Mesopotamien tatsächlich tatsächlich mit Menschen mit Einschränkungen umging. Aber als Bild bleibt es stark. Der Königshof, in der Geschichte das Zentrum aller Macht, findet für jeden dieser Menschen einen Platz, nicht aus Güte allein, sondern weil die Erzählung selbst davon ausgeht, dass ein Platz für jeden vorgesehen sein soll.
Noch etwas an dieser Szene verdient einen zweiten Blick. Keiner dieser Menschen wird bloß versorgt, verwahrt oder durchgefüttert. Jeder von ihnen bekommt eine Aufgabe, die er tatsächlich ausfüllen kann, die ihn vermutlich sogar erfüllt hat. Der Mann mit den schwachen Händen dient nicht trotz seiner Einschränkung, er dient mit genau den Fähigkeiten, die ihm geblieben sind. Der Mann mit den auffälligen Augen wird nicht versteckt, er wird Musiker, weil offenbar gerade er dafür geeignet ist. Das ist eine bemerkenswert moderne Aussage für einen viertausend Jahre alten Text. Ein Mensch mit einer schweren Einschränkung ist keine Last, die man verwaltet, sondern ein Potenzial, das eine Gesellschaft, wenn sie es richtig anstellt, für sich gewinnen kann.
Dann wird es ernst. Enki will die Wette für sich entscheiden und formt selbst ein letztes Wesen. Umul. Der Kopf zu schwer für den Nacken, die Glieder ohne Halt, der Atem flach. Jetzt ist Ninmah an der Reihe, ein Amt zu finden.
Ninmah beugt sich zu ihm hinunter. Sie spricht mit ihm, er antwortet nicht. Sie reicht ihm Brot, seine Hand erreicht es nicht, und das Brot bleibt liegen, zwischen ihr und ihm, als wäre es ein Beweisstück. Sie versucht, ihn aufzurichten. Er kann nicht sitzen, nicht stehen, nicht liegen, sein Körper findet keine Stellung, die er halten kann. Für einen Moment sagt niemand etwas. Ninmah, die eben noch über Schicksale entschied, als wäre das die leichteste Sache der Welt, muss zugeben, dass sie für diesen Menschen kein Amt findet. Sie sagt, dieser Mensch sei weder lebendig noch tot. Er könne sich selbst nicht erhalten.
Und genau hier, an der Stelle, an der es um sein Schicksal geht, wird die Tontafel lückenhaft. Den erhaltenen Bruchstücken nach sprechen Enki und Ninmah offenbar noch weiter miteinander. Manche Forscher lesen in den letzten, kaum noch leserlichen Zeilen sogar einen Hinweis darauf, dass Umul am Ende doch noch eine Aufgabe bekommt, nämlich an Enkis eigenem Haus mitzubauen. Sicher ist das nicht, die Stelle ist zu beschädigt für eine eindeutige Deutung. Aber ausgerechnet dort, wo es um das Schicksal des Schwächsten geht, wird der Text am unsichersten.
Wir wissen also nicht genau, was am Ende aus Umul wurde. Vielleicht ist gerade diese Unsicherheit die eigentliche Einladung der Geschichte, selbst weiterzudenken, was mit jemandem geschieht, für den sich auf den ersten Blick kein Platz findet.
Für mich persönlich steht diese letzte Figur für den Säugling. Ein Wesen, das nichts leisten kann, das nicht einmal nach dem Brot greifen kann, das ihm gereicht wird und dessen ganzer Wert trotzdem außer Frage steht. Ich weiß, dass diese Lesart auch meine eigene Perspektive verrät. Ich engagiere mich in der Jugendhilfe, so liegt bei mir die Sichtweise in einem hilflosen Wesen zuerst das Kind zu sehen, sicher nag. Jemand, der viele Jahre in der Pflege gearbeitet hat, würde in Umul eher einen Menschen im hohen Alter erkennen, der durch schwere Demenz zum Beispiel Pflegegrad fünf erreicht hat und all diese Fähigkeiten wieder verloren hat. Aber letztlich ist es auch egal für welches Altersgruppe dieses Umul steht, es geht hier um die quasi absolute Hilflosigkeit. Das ist der Punkt, an dem sich die Frage der Geschichte für mich verschiebt. Nicht mehr, welchen Platz jemand ausfüllen kann, sondern wer für ihn einsteht, wenn sich kein Platz finden lässt.
Heute entscheidet zum Glück kein König, wer ein Amt bekommt und wer nicht. Für mich steht der Königshof aus der Geschichte am ehesten für unseren Staat. Zum Glück leben wir heute in einer Demokratie, nicht in einer Monarchie. Aber die Frage, die die Geschichte stellt, bleibt dennoch bestehen. Wer setzt den Rahmen, in dem auch jemand, der wenig oder gar nichts leisten kann, seinen Platz hat? Das Grundgesetz gibt darauf zumindest eine Richtung vor. Art. 1 Abs. 1 erklärt die Würde des Menschen für unantastbar, unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit. Art. 20 Abs. 1 beschreibt die Bundesrepublik als sozialen Staat. Art. 3 Abs. 3 Satz 2 verbietet, jemanden wegen einer Behinderung zu benachteiligen. Ob das im Alltag ausreicht, ist eine andere Frage.
Der Staat trägt dabei die Grundverantwortung. Stiftungen, Wohlfahrtsverbände, die Diakonie, Vereine und Menschen, die ihre Zeit ehrenamtlich schenken, erfüllen eine wichtige Ergänzungsfunktion. Beides sollte nicht miteinander verwechselt werden. All das sind wichtige und kraftvolle Strukturen, und gerade Stiftungen können enorm viel bewegen. Auch diese Strukturen tragen, jede auf ihre Weise, die Perspektive derer, die sie gegründet haben. Eine Stiftung für Menschen mit Behinderung entsteht oft aus einer eigenen Betroffenheit, eine diakonische Einrichtung aus einem theologischen Auftrag, ein Verein aus einer konkreten Erfahrung vor Ort. Das macht sie nicht weniger wertvoll, im Gegenteil, aus dieser Vielfalt an Perspektiven entsteht ein reicheres Bild dessen, was gebraucht wird, als ein einzelner Blick es je könnte. Wenn wir zulassen, dass die Ergänzung die Grundverantwortung übernimmt, verschieben wir etwas, das eigentlich beim Staat bleiben muss.
Stärke wird in unserer Gesellschaft meist daran gemessen, wie viel jemand leisten kann. Die Geschichte von Enki und Ninmah erzählt von einer anderen Stärke, nicht der Fähigkeit, immer mehr zu tragen, sondern der Fähigkeit, jemanden zu tragen, der selbst nichts tragen kann.
Diese Frage braucht wohl auch deshalb keinen eigenen Tag im Kalender. Nicht den Tag der Stiftung, nicht den Tag des Ehrenamtes, keinen Aktionstag überhaupt. Menschen, die auf uns angewiesen sind, brauchen diese Zuwendung an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr. Was am Ende mit Umul geschah, wissen wir nicht sicher. Aber die Frage, wer ihn nicht allein lässt, stellt sich uns bis heute, jeden Tag aufs Neue.
Die Nacherzählung folgt inhaltlich dem sumerischen Mythos Enki und Ninmah. Wer den wissenschaftlichen Originaltext in englischer Übersetzung lesen möchte, findet ihn frei zugänglich im Electronic Text Corpus of Sumerian Literature der Universität Oxford. Die massgebliche kritische Edition mit philologischem Kommentar stammt von Manuel Ceccarelli, Enki und Ninmaḫ. Eine mythische Erzählung in sumerischer Sprache, Tübingen 2016.