Warum ein juristisches Ja im Change-Prozess nicht genügt

An anderer Stelle habe ich beschrieben, was passiert, wenn ein Jurist erst eingebunden wird, nachdem eine einzelne Entscheidung bereits gefallen ist, ein IT-Projekt, eine Unterlassungserklärung, eine Abmahnung. Change-Prozesse in Organisationen unterscheiden sich davon in einem entscheidenden Punkt. Es geht dort selten um eine einzelne Rechtsfrage mit einem klaren Anfang und einem klaren Ende. Es geht um ein Bündel rechtlicher Verknüpfungen, die sich gegenseitig bedingen und die sich über die Dauer des Prozesses verändern.

Ein Beispiel aus der Unternehmensberatung zeigt das anschaulich. Ein Unternehmen hatte einen erheblichen Teil seiner Produktion nach Polen verlagert und war aber im späteren Verlauf mit der dortigen Qualität unzufrieden. Die Produktion sollte deshalb zurück nach Deutschland geholt werden. Parallel dazu wollte das Unternehmen seine Führungsstruktur modernisieren, mit mehr Entscheidungsspielraum für Mitarbeiter und einem stärkeren Blick auf Kennzahlen, was bei der ohnehin verunsicherten Belegschaft zusätzliche Fragen aufwarf. Mitten in diesem Vorhaben gründete sich dann auch noch ein Betriebsrat.

Innerhalb desselben Projekts zeigte sich, wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfielen, je nachdem ob juristische Expertise eingebunden war oder nicht. Das Unternehmen verfügte über einen Vollzeit- und einen Teilzeitjuristen. Bei der Rückholung der Produktion waren beide eng eingebunden, prüften bestehende Verträge mit den Dienstleistern vor Ort, mögliche vertragliche Strafzahlungen und so konnte der Zeitvorteil einer schnelleren Rückverlagerung. Beim gegen zusätzliche Kosten aufgerechnet werden. Bei der “Baustelle” Betriebsrat sah es anders aus. Dort war zu diesem Zeitpunkt kein Jurist mit einschlägiger Expertise eingebunden, und das Thema wurde auch nicht priorisiert, obwohl der Betriebsrat erheblichen Einfluss auf den weiteren Prozess hatte und ihn positiv hätte begleiten können. Genaue Kenntnis der rechtlichen Rahmenbedingungen hätte dem Unternehmen an dieser Stelle geholfen, klar zu benennen, wozu es verpflichtet war und wo es freiwillig darüber hinausging, um den Betriebsrat aktiv einzubinden.

Jede dieser Verknüpfungen für sich genommen wäre mit den Mitteln aus dem bereits beschriebenen Ja-oder-Nein-Modell lösbar gewesen. Das eigentliche Problem in Change-Prozessen ist, dass mehrere dieser Verknüpfungen gleichzeitig entstehen und sich gegenseitig beeinflussen, während der Prozess selbst weiterläuft.

Die Beteiligung des Betriebsrats gehört zu diesen Verknüpfungen dazu, wie das Beispiel zeigt. Mitbestimmung wird in Change-Prozessen häufig zunächst als zusätzliche Hürde wahrgenommen, die den Prozess verlangsamt. Sie kann einen Change-Prozess aber ebenso gut absichern und tragen, wenn sie von Anfang an mitgedacht wird, statt erst dann aufzutauchen, wenn ein Gremium sich bereits gebildet hat und Position bezieht. Wo die rechtlichen Rahmenbedingungen der Mitbestimmung frühzeitig geklärt sind, lässt sich auch klar unterscheiden, was rechtlich verpflichtend ist und was eine Organisation freiwillig zusätzlich anbietet, um Beteiligte für den Prozess zu gewinnen.

Das macht auch die besondere Rolle des aktiv eingebundenen Justiziars bei Change-Prozessen aus. Er wird nicht an einem einzelnen Punkt gefragt, ob etwas rechtlich zulässig ist. Er begleitet einen sich entwickelnden Vorgang, bei dem sich die rechtlich relevanten Fragen selbst mit der Zeit verschieben. Das verlangt eine andere Arbeitsweise als die punktuelle Prüfung eines fertigen Konzepts. Es verlangt, den Prozess über seine gesamte Laufzeit im Blick zu behalten und frühzeitig zu erkennen, wenn sich eine Verknüpfung verändert, die vorher rechtlich bereits als geklärt galt. Change-Prozesse, bei denen die Rechtsabteilung von Beginn an eingebunden war und über die Laufzeit mitgelaufen ist, kamen nach meiner persönlichen Wahrnehmung in aller Regel mit weniger Reibung zum Abschluss als solche, bei denen sie nur für einzelne Meilensteine hinzugezogen wurde. Der Unterschied lag dabei seltenst an der Komplexität der jeweiligen Rechtsfragen. Er lag am Zeitpunkt, zu dem diese Fragen gestellt wurden und eben daran, ob jemand den gesamten Verlauf im Blick behielt oder nicht.

Bei einer einzelnen Rechtsfrage lässt sich irgendwann Ja oder Nein sagen und die Sache ist entschieden. Bei einem Change-Prozess verändert sich das, worüber entschieden wurde, im Prozess immer wieder selbst und deshalb reicht ein einmaliges juristisches Ja hier eher nicht aus.