Warum bin ich aus der Armee ausgeschieden und bin ich noch Patriot?

Ich bekomme über diese Seite gelegentlich Fragen zu meinem Lebenslauf, eine davon betraf meine Zeit bei der Bundeswehr. Jemand hatte sich meinen Werdegang genau angeschaut und wollte wissen, ob dahinter eine patriotische Grundhaltung steckt, die bis heute nachwirkt. Die Geschichte dahinter ist ein wenig kompliziert und dass am Ende weniger Patriotismus und mehr eine sehr frühe Lektion über Verantwortung stehengeblieben ist.

Zur Bundeswehr wollte ich damals aus mehreren Gründen. Mich reizte, dass man dort sehr früh echte Verantwortung übernehmen kann, deutlich früher als in fast jedem zivilen Berufseinstieg. Ich wollte etwas für mein Land tun, eine für mich zu jener Zeit sehr ernst gemeinte Motivation. Dazu kam das Studium, das an die Offizierslaufbahn geknüpft war. Staats- und Sozialwissenschaften in München erschien mir damals als das einzige Studium mit einer wirklich generalistischen Ausrichtung, bei dem man in Geschichte, Sozialwissenschaften, Betriebswirtschaft und vieles mehr hineinschauen konnte, ohne sich sofort festzulegen.

Verpflichtet habe ich mich als Soldat auf Zeit über zwölf Jahre, die sogenannte SaZ zwölf. Von direkter Menschenführung, also darüber, was es bedeutet, wenn Menschen einem unmittelbar unterstellt sind und man für ihre Sicherheit und ihre Entscheidungen mitverantwortlich ist, das war für mich spannendes Neuland. Bewusst was es bedeuten kann und auch wie es mit Machtstrukturen verwoben ist das lernte ich sehr praktisch. 

Ein Kamerad war schon etwas länger dabei als ich, in derselben Truppengattung und befand sich im Auslandseinsatz als Zugführer. Für seine Aufgabe galten klare Vorschriften zu Lenk- und Ruhezeiten. Ein Befehl erging, der mit diesen Vorschriften kollidierte und er weigerte sich zunächst, ihn auszuführen, mit der Begründung, die Ruhezeiten ließen das schlicht nicht zu. Der zuständige Hauptmann stellte ihn daraufhin zur Rede und machte deutlich, dass man im Einsatz sei und ein solches Verhalten nicht akzeptabel wäre. Dann wiederholte sich die Situation einige Zeit später. Diesmal wurde er vom Vorgesetzten des Hauptmanns zur Rede gestellt, der ihm noch einmal klarmachte, wie wichtig der Auftrag sei und dass er ihn durchzuführen habe. Nach zwei militärisch sehr deutlichen Zurechtweisungen in Folge akzeptierte er die Lage und den damit verbundenen Auftrag.

Bei einer weiteren Gelegenheit kam es wie es kommen musste, es gab einen schweren Unfall. Seine Rechtfertigung im Nachhinein war, dass er den Befehl durchgeführt hat, wegen den Anweisungen davor. Eine erneute klare Anweisung von Vorgesetzter Seite gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr und hatte auch die anderen Anweisungen nicht erteilt. Damit falle der Vorgang allein in seinen Verantwortungsbereich, für den er als Zugführer die direkte Verantwortung trug. Laut Akte war es damit sein Versagen, weil er der unmittelbare Vorgesetzte vor Ort war, schriftliche Beweise für die beiden Zurechtweisungen gab es nicht. Das alles ist seine Version, ich habe sie ihm aber geglaubt. Ich bin seitdem selbst sehr skeptisch geworden, wenn es um mündliche Absprachen geht, denn aus eigener Erfahrung weiß ich inzwischen auch, wie oft sich da nicht oder sogar ganz anders dran erinnert wird, daher mag ich Protokolle und schriftliche Bestätigungen im Nachgang. Denn entlassen wurde am Ende er, nicht die Vorgesetzten, die zuvor auf der Ausführung bestanden hatten. Ob das ausschließlich an diesem Vorfall lag oder noch andere Dinge eine Rolle spielten, weiß ich nicht sicher, das ist seine Version der Geschichte. Ich habe ihm geglaubt, gerade was die Befehlslage und die Reaktion seiner Vorgesetzten betrifft.

In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was Führung bedeutet, sobald es ernst wird. Für eigene Fehler stehe ich gerne ein. Für Fehler anderer geradezustehen, während diejenigen, die den eigentlichen Fehler gemacht haben, unbehelligt bleiben, hatte für mich dagegen keinen Reiz. Fehlt es an Ausstattung oder Personal, um einen Auftrag ordentlich zu erfüllen und bestehen Vorgesetzte trotzdem unter Druck auf der Durchführung, ohne im Ernstfall dahinterzustehen, liegt das Problem nicht bei demjenigen, der am Ende den Auftrag ausführt, es liegt in der Organisation selbst. Für mich war damit klar, dass ich meine zwölf Jahre erfüllen, aber nicht verlängern würde.

Dazu kam es dann doch anders, wenn auch nicht wegen dieser Entscheidung. Im Rahmen einer Untersuchung stellte sich heraus, dass bei meiner ursprünglichen Musterung ein Fehler unterlaufen war, eine gesundheitliche Einstufung, die für den Offiziersweg gar nicht hätte ausreichen dürfen. Gegen diese Feststellung habe ich mich nach jener Erfahrung auch nicht gewehrt. Ich habe lediglich darum gebeten, das einmal offiziell überprüfen zu lassen. Die Mühlen mahlten anschließend recht langsam. Am Ende war ich faktisch freigestellt und musste mich nur noch einmal im Monat in der Kaserne melden, bis die Entlassung nach vielen Monaten offiziell wurde.

Der Zeitpunkt hatte noch eine eigene kleine Pointe. Bestätigt wurde meine Entlassung erst, nachdem die Einschreibefrist für die meisten Studiengänge abgelaufen war. Gereizt hatten mich Jura, Betriebswirtschaft, Politik- und Sozialwissenschaften. Aber nur noch bei den Rechtswissenschaft konnte ich noch nachrücken, damit war meine Entscheidung aus einer Verwaltungsfrist heraus besiegelt.

Im Rückblick war die Geschichte meines Kameraden wichtiger für meinen weiteren Weg als die Musterungsangelegenheit, die am Ende nur den Zeitpunkt meines Ausscheidens bestimmt hat. Die eigentliche Lektion war, wie leicht sich Verantwortung in Organisationen nach unten durchreichen lässt, gerade dann, wenn an der Spitze der Kette eigentlich hätte eingegriffen werden müssen. Diese Frage begegnet mir bis heute in fast jeder Form von Gremienarbeit, bei den Informationspflichten eines Aufsichtsrats ebenso wie bei der Business Judgement Rule oder bei der Art, wie Verantwortung in Organisationen oder einem Unternehmen tatsächlich verteilt ist und nicht nur auf dem Papier steht. 

Der Reflex aus dieser Zeit ist mir bis heute geblieben, die Vorsicht gegenüber mündlichen Weisungen mit hoher Tragweite, die nirgends schriftlich wiederholt oder protokolliert werden. In der Gremienarbeit schneide ich dieses Thema deshalb immer wieder an. Bei folgenreichen Weisungen frage ich gezielt nach, ob und wie sie schriftlich festgehalten werden, nicht aus Misstrauen gegenüber einzelnen Personen, sondern weil ich aus eigener Anschauung weiß, wie schnell aus einer mündlichen Randbemerkung im Ernstfall eine einsame Verantwortung werden kann.

Was die eingangs gestellte Frage nach patriotischen Überzeugungen betrifft, hat sich meine Haltung seitdem ohnehin verschoben. Ich befürworte inzwischen eine europäische Lösung für die Armee und sehe mich in der Tendenz eher als Europäer denn als Deutscher, wobei beide Zugehörigkeiten für mich eng beieinanderliegen und sich die Gewichtung je nach Thema verschiebt. Bei den meisten Fragen lehne ich mich für Europa weit aus dem Fenster, bei einzelnen bin ich skeptisch, eine Europäisierung der Schulden halte ich zum Beispiel für falsch. Patriotismus muss sich für mich außerdem nicht zwangsläufig auf einen Nationalstaat beziehen. Es gibt Lokalpatriotismus und es spricht für mich wenig dagegen, ebenso von einem europäischen Patriotismus zu sprechen.