Viele Wächter und kein Gesamtbild

Der Zahlungsdienstleister Wirecard meldete im Juni 2020 Insolvenz an, nachdem sich herausgestellt hatte, dass rund 1,9 Milliarden Euro angeblicher Guthaben auf philippinischen Treuhandkonten nicht existierten. Der Fall gilt als einer der größten Bilanzskandale der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte und beschäftigte einen eigenen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages.

An Kontrollinstanzen fehlte es bei Wirecard nicht. Ein Wirtschaftsprüfer testierte über Jahre die Abschlüsse. Die Finanzaufsicht BaFin beobachtete das Unternehmen, beaufsichtigte aber nur die konzerneigene Bank, weil der Konzern selbst als Technologieunternehmen eingestuft war. Banken finanzierten das Geschäft und prüften ihre eigenen Risikokennzahlen. Im Konzern gab es Compliance- und Revisionsfunktionen. Journalisten, allen voran der Financial Times, veröffentlichten bereits Jahre vor dem Zusammenbruch kritische Recherchen zu Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung.

Der Untersuchungsausschuss fragte deshalb vor allem, warum das Zusammenspiel dieser Instanzen versagte. Ein Kritikpunkt betraf die BaFin, die 2019 Strafanzeige gegen berichtende Journalisten erstattete und ein Leerverkaufsverbot für die Aktie erließ. Damit stellte sie sich faktisch schützend vor das Unternehmen, gegen das sich die Vorwürfe richteten. Ein anderer Kritikpunkt betraf den Wirtschaftsprüfer, der über Jahre keine ausreichenden eigenen Nachweise für die Guthaben auf den philippinischen Konten einholte. Schließlich liefen die Warnsignale aus Presse, Marktbeobachtung und internen Hinweisen bei keiner Stelle systematisch zusammen, sodass sich niemand aus den vorhandenen Einzelinformationen ein vollständiges Bild machte.

Jede dieser Instanzen konnte sich im Nachhinein darauf berufen, innerhalb ihres begrenzten Prüfungsauftrags korrekt gehandelt zu haben. Gerade diese begrenzte Perspektive war Teil des Problems, weil sie verhinderte, dass jemand die widersprüchlichen Signale zu einem Gesamtbild verband. Viele einzelne Kontrollinstanzen ergeben noch kein funktionierendes Kontrollsystem, solange niemand die Aufgabe hat, ihre Erkenntnisse zusammenzuführen und eine insgesamt unplausible Geschichte als solche zu erkennen.

Die Zahl und die formale Unabhängigkeit einzelner Kontrollinstanzen sagen wenig darüber aus, wie wirksam das Kontrollsystem insgesamt ist. Es braucht zusätzlich eine Stelle, deren ausdrückliche Aufgabe es ist, Informationen aus den verschiedenen Instanzen zusammenzuführen und Widersprüche zwischen der offiziellen Erzählung und abweichenden Signalen von außen ernst zu nehmen.

Viele Kontrollinstanzen können gemeinsam versagen, solange jede nur ihren eigenen Ausschnitt sieht. Es braucht eine Stelle, die Erkenntnisse zusammenführt und Widersprüche zwischen offizieller Erzählung und Signalen von außen ernst nimmt. 

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