Viele Kontrollen ergeben noch kein Kontrollsystem
Die französische Großbank Société Générale gab im Januar 2008 bekannt, durch nicht autorisierte Geschäfte ihres Händlers Jérôme Kerviel rund 4,9 Milliarden Euro verloren zu haben. Es war einer der größten bekannten Fälle unautorisierten Handels in der Bankengeschichte. Über Monate hatte Kerviel Positionen weit jenseits seiner Handelslimits aufgebaut und sie durch fiktive Gegengeschäfte in den internen Systemen verschleiert.
Anders als Barings besaß Société Générale die üblichen formalen Kontrollen. Es gab Positionslimits, automatisierte Warnsysteme und eine vom Handel getrennte Risikokontrolle. Kerviel gelang es dennoch lange, diese Kontrollen zu umgehen. Aus einer früheren Tätigkeit im Middle Office wusste er, welche Warnsignale in welcher Form geprüft wurden und wie sich Positionen so darstellen ließen, dass sie diese Prüfungen unauffällig passierten.
Die Bank räumte später ein, dass ihre Kontrollen auf verschiedene Bereiche verteilt waren, ohne dass eine Stelle die Einzelbefunde zu einem Gesamtbild verdichtete. Warnungen zu ungewöhnlichen Handelsvolumina oder wiederholt stornierten Geschäften wurden isoliert bearbeitet und teilweise durch plausibel klingende, aber falsche Erklärungen Kerviels ausgeräumt. Mit Informationen aus anderen Abteilungen glich niemand diese Erklärungen ab.
Zusammen mit Barings ergeben sich zwei Varianten desselben Grundproblems. Bei Barings fehlte die Trennung zwischen Handel und Kontrolle nahezu vollständig. Bei Société Générale war sie formal vorhanden und scheiterte in der Praxis daran, dass niemand die verstreuten Ergebnisse der einzelnen Kontrollen zusammenführte und kritisch hinterfragte. Getrennte Kontrollfunktionen bieten für sich genommen keine Sicherheit. Zu einem Kontrollsystem werden sie erst durch eine Stelle, die abteilungsübergreifend prüft, ob viele unauffällige Befunde in ihrer Summe ein auffälliges Bild ergeben.
Getrennte Kontrollen bieten für sich genommen keine Sicherheit. Zu einem Kontrollsystem werden sie erst, sobald jemand ihre Einzelbefunde zusammenführt und prüft, ob sich daraus ein auffälliges Gesamtbild ergibt.
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