Japans Aufstieg

Wenn man nach einem Beispiel für einen Staat sucht, der sich innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend neu aufgestellt hat, landet man fast zwangsläufig bei Japan. Das liegt nicht an der Dramatik der Geschichte allein, sondern an etwas Grundsätzlicherem, das sich daraus ableiten lässt. Ein Staat kann seine Institutionen, sein Recht, seine Verwaltung, sein Militär und seine wirtschaftlichen Strukturen innerhalb weniger Generationen komplett neu bauen, ohne dabei alles selbst erfinden zu müssen.

Japan hatte sich unter dem Tokugawa-Shogunat über Jahrhunderte weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Die gesellschaftliche und politische Ordnung war auf Stabilität ausgerichtet und beruhte auf Strukturen, die über lange Zeiträume gewachsen waren und kaum infrage gestellt wurden. Dieses System funktionierte, solange sich die Umwelt um Japan herum nicht grundlegend veränderte. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geschah genau das. 1853 erreichten die Schiffe des amerikanischen Commodore Matthew Perry die japanische Küste, und Japan sah sich plötzlich mit Staaten konfrontiert, die über moderne Waffen, Industrien und völlig andere staatliche Strukturen verfügten. Die alte Ordnung war damit nicht mehr nur verbesserungswürdig, sie war in dieser Form nicht mehr tragfähig.

Japan reagierte darauf mit einem für die damalige Zeit ungewöhnlich radikalen Schritt. Nach der Meiji-Restauration von 1868 wurde ein erheblicher Teil der staatlichen Ordnung nicht repariert, sondern neu aufgebaut. Bemerkenswert daran ist weniger der Umfang der Reform als die Methode dahinter. Japan schaute sich systematisch an, was andere Staaten bereits erarbeitet hatten, statt diese neue Ordnung vollständig selbst zu entwickeln. Delegationen reisten nach Europa und in die Vereinigten Staaten, ausländische Fachleute wurden ins Land geholt, junge Japaner zum Studium ins Ausland geschickt und bestehende Institutionen verglichen, bevor man sie an japanische Verhältnisse anpasste. Man kann darin eine der größten institutionellen Lernbewegungen der modernen Geschichte sehen.

Deutschland beziehungsweise Preußen spielte dabei eine auffällig große Rolle, allerdings nicht in jedem Bereich gleichermaßen. Beim Aufbau des modernen japanischen Militärs orientierte man sich stark am preußischen Modell. Der deutsche Generalmajor Jacob Meckel wurde in den 1880er Jahren als Berater nach Japan geholt und prägte Organisation und Ausbildung der japanischen Armee, während zahlreiche japanische Offiziere anschließend in Deutschland ausgebildet wurden. Beim Verfassungsrecht blickte man ebenfalls nach Deutschland. Itō Hirobumi, später erster Premierminister Japans, studierte europäische Verfassungsmodelle und ließ sich unter anderem von den deutschen Staatsrechtlern Rudolf von Gneist und Lorenz von Stein beraten, während der Jurist Albert Mosse an der Ausarbeitung der 1889 verkündeten Meiji-Verfassung mitwirkte, die entsprechend stark preußisch-deutsch geprägt war. In der Medizin verlief die Entwicklung ähnlich, allerdings mit anderem Ausgangspunkt. Zunächst orientierte man sich an niederländischer und britischer Medizin, entschied sich dann aber für das deutsche Modell und holte deutsche Ärzte als Lehrer ins Land, die die medizinische Ausbildung grundlegend nach deutschem Vorbild umbauten. Im Recht verlief die Entwicklung deutlich weniger geradlinig. Hier hatte zunächst die französische Rechtswissenschaft erheblichen Einfluss, bevor sich insbesondere im Zivilrecht zunehmend das deutsche Modell durchsetzte.

Japan suchte also nicht nach einem einzigen Land, dessen System sich vollständig kopieren ließ, sondern feldweise nach Lösungen, die bereits funktionierten, und kombinierte sie zu etwas Eigenem. Das ist ein erheblicher Unterschied zu bloßem Kopieren, und es ist auch ein Unterschied zu der Reaktion, die man in Organisationen häufig beobachtet, wenn ein Prozess nicht mehr funktioniert. Die naheliegende Reaktion ist meistens, ihn zu verbessern, zu beschleunigen oder zu digitalisieren, ohne die Grundstruktur infrage zu stellen. Das kann sinnvoll sein, ist aber nicht immer die richtige Herangehensweise. Manchmal lohnt sich stattdessen die Frage, warum ein Vorgang überhaupt noch in dieser Form existiert, und ob es andernorts bereits eine Lösung gibt, die man sich ansehen sollte, statt die eigene mühsam neu zu erfinden. Gerade bei der Digitalisierung zeigt sich diese Falle regelmäßig. Aus der Papierakte wird eine elektronische Akte, aus dem Formular ein Onlineformular, ohne dass jemand fragt, wie man den zugrunde liegenden Vorgang gestalten würde, wenn es ihn heute noch gar nicht gäbe.

Dabei sollte man die Grenzen des historischen Beispiels nicht übersehen. Die Meiji-Modernisierung war keine reine Erfolgsgeschichte, sondern ging mit erheblicher staatlicher Zentralisierung und später mit militärischer Expansion und imperialistischer Politik einher. Institutionelle Erneuerung bedeutet also nicht automatisch, dass alles, was daraus entsteht, wünschenswert ist. Wertvoll bleibt trotzdem die Fähigkeit, rechtzeitig zu erkennen, wann ein bestehendes Modell nicht mehr ausreicht, und dann den Mut zu haben, nicht nur an ihm herumzureparieren, sondern sich umzusehen, von anderen zu lernen und daraus etwas grundlegend Neues zu bauen.

Mehr aus der Reihe findet sich in der Übersicht unter: Aus der Geschichte lernen