Wissen, das folgenlos bleibt

Die amerikanische Umweltbehörde EPA machte im September 2015 öffentlich, dass zahlreiche Dieselfahrzeuge von Volkswagen mit einer Software ausgestattet waren, die einen Prüfstandtest erkennen und die Abgasreinigung währenddessen gezielt verändern konnte. Im normalen Straßenbetrieb stießen dieselben Fahrzeuge ein Vielfaches der zulässigen Stickoxidmenge aus. Der Dieselskandal führte zu Strafen und Vergleichen in Milliardenhöhe, zu Strafverfahren gegen mehrere Führungskräfte und zu einem erheblichen Reputationsschaden für den Konzern.

Im Konzern gab es das Wissen um das Problem lange vor seinem öffentlichen Bekanntwerden. Die US-Anklage gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn aus dem Jahr 2018 wirft ihm vor, bereits im Frühjahr 2014 über interne Hinweise informiert worden zu sein. Winterkorn hat die Vorwürfe stets bestritten. Wie auch immer die persönliche Verantwortung am Ende zu bewerten ist, es verging mehr als ein Jahr, ohne dass der Konzern aus dem vorhandenen Wissen Konsequenzen zog.

Damit greift eine verbreitete Lesart zu kurz, wonach Organisationen vor allem daran scheitern, Probleme rechtzeitig zu erkennen. In vielen großen Skandalen war das Wissen um das Problem innerhalb der Organisation vorhanden, teilweise über Jahre. Gescheitert ist sie am Umgang mit dem, was sie bereits wusste.

Dafür kann es unterschiedliche Ursachen geben. Oft fehlt ein klarer und angstfreier Weg, auf dem kritische Informationen aus der operativen Ebene die Spitze erreichen. Ebenso häufig existiert dieser Weg zwar formal, wird aber gemieden, weil frühere Warnungen ignoriert wurden oder den Überbringern geschadet haben. Selbst eine Information, die bis nach oben gelangt, kann dort folgenlos bleiben. Am Ende verhält sich die Organisation als Ganzes so, als wüsste sie nichts, obwohl an anderer Stelle genug Wissen vorhanden war, um rechtzeitig gegenzusteuern.

Kein Wirtschaftsunternehmen, kein Verein und kein kirchlicher Träger mit eigener Compliance- oder Revisionsfunktion ist davor gefeit. Viele dieser Funktionen konzentrieren sich auf Regeln, Freigaben und Kontrollen vor einer Entscheidung. Mindestens ebenso wichtig ist, ob Beschäftigte, die im laufenden Betrieb problematisches Verhalten bemerken, dieses Wissen ohne Hemmungen weitergeben können und ob ihre Meldungen Folgen haben. Fehlt dieser Kanal oder bleibt er ungenutzt, kann eine Organisation über hervorragende formale Kontrollen verfügen und trotzdem in dieselbe Falle laufen wie Volkswagen. Bemerkt hat dann durchaus jemand etwas. Die Organisation konnte mit dem Bemerkten nur nicht umgehen.

In vielen Organisationen ist das Wissen um ein Problem längst vorhanden, bevor es zum Skandal wird. Ob es rechtzeitig die Entscheider erreicht und dort Folgen hat, hängt von Meldewegen ab, die ohne Angst genutzt werden können und erkennbar etwas bewirken.