Der Flughafen BER und der Preis politischer Termine
Am 3. Juni 2012 sollte der neue Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg eröffnen. Die Einladungen waren verschickt, Fluggesellschaften hatten ihre Flugpläne umgestellt. Knapp vier Wochen vorher wurde die Eröffnung abgesagt. Die Entrauchungsanlage, das Kernstück des Brandschutzes im Terminal, funktionierte nicht so, dass die Bauaufsicht das Gebäude hätte abnehmen können. Eröffnet wurde der Flughafen schließlich am 31. Oktober 2020, gut acht Jahre später als geplant. Die Kosten stiegen in dieser Zeit auf ein Vielfaches der ursprünglichen Planung.
Gesellschafter der Flughafengesellschaft waren die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund. Nachdem eine Privatisierung des Projekts gescheitert war, entschieden sie, den Flughafen selbst zu bauen. Die Angebote für einen Generalunternehmer galten als zu teuer. Die Flughafengesellschaft vergab die Arbeiten deshalb in zahlreichen Einzellosen und übernahm die Koordination Hunderter Firmen selbst, ohne über eine Bauherrenorganisation dieser Größenordnung zu verfügen. Während des Baus kamen immer neue Änderungswünsche hinzu, etwa größere Flächen für Geschäfte und Gastronomie und eine Erweiterung des Terminals. Jede dieser Änderungen wirkte sich auf die ohnehin hochkomplexe Haustechnik aus, allen voran auf den Brandschutz.
Im Aufsichtsrat saßen führende Landespolitiker, zeitweise die Regierungschefs von Berlin und Brandenburg selbst. Sie standen für den Erfolg des Projekts politisch ein und waren zugleich für seine Kontrolle zuständig. Die Untersuchungsausschüsse im Berliner Abgeordnetenhaus kritisierten später unter anderem, dass der Aufsichtsrat den Berichten der Geschäftsführung zu lange vertraut und Risiken nicht ausreichend hinterfragt habe.
Wer für den Erfolg eines Projekts öffentlich einsteht, hat ein eigenes Interesse daran, schlechte Nachrichten spät zu hören. Ein öffentlich zugesagter Eröffnungstermin verstärkt dieses Interesse, weil jede Verschiebung zur politischen Niederlage wird. Kontrolle braucht deshalb Mitglieder, die fachlich in der Lage sind, die Berichte der Geschäftsführung zu prüfen. Ebenso brauchen sie die Unabhängigkeit, ein Projekt notfalls anzuhalten. Bei Theranos fehlte die Fachkenntnis hinter prominenten Namen, beim BER stand die Unabhängigkeit hinter politischen Ämtern in Frage.
Verschärft wurde die Lage durch Entscheidungen, die das Projekt an seine Grenzen brachten. Mit dem Verzicht auf einen Generalunternehmer übernahm die Flughafengesellschaft eine Gesamtverantwortung, für die sie nicht aufgestellt war. Die vielen Änderungen während des Baus mochten jede für sich vertretbar sein. In ihrer Summe überforderten sie ein Bauwerk, dessen technische Systeme eng miteinander verflochten waren, ähnlich wie bei Deepwater Horizon.
Das alles betrifft keineswegs nur Großprojekte. Beim Neubau eines Gemeindehauses oder der Sanierung eines Vereinsheims wiederholen sich dieselben Muster im Kleinen, gerade dort, wo ehrenamtliche Bauausschüsse sich an einen festen Termin gebunden fühlen und niemand im Gremium die Planung fachlich beurteilen kann.
Wer den Erfolg eines Projekts politisch oder persönlich verantwortet, ist als Kontrolleur befangen. Aufsichtsgremien brauchen Fachkenntnis und die Unabhängigkeit, ein Projekt notfalls anzuhalten. Viele einzeln vertretbare Änderungen können ein Vorhaben überfordern, im Großprojekt wie beim Gemeindehaus.
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