Ein Aufsichtsgremium muss verstehen, was es beaufsichtigt

Das kalifornische Unternehmen Theranos versprach über Jahre, mit wenigen Tropfen Blut aus der Fingerkuppe eine Vielzahl medizinischer Tests durchführen zu können. Zeitweise wurde es mit rund neun Milliarden US-Dollar bewertet. 2015 deckten Recherchen des Wall Street Journal auf, dass die eigene Technologie die meisten dieser Tests nicht zuverlässig durchführen konnte und ein Großteil der Ergebnisse auf herkömmlichen Geräten anderer Hersteller entstand. Gründerin Elizabeth Holmes wurde 2022 wegen Betrugs an Investoren verurteilt.

Bemerkenswert ist die Besetzung des Boards von Theranos. Dort saßen ehemalige Außenminister, hochrangige Militärs und bekannte frühere Politiker, deren Ansehen dem Unternehmen gegenüber Investoren erhebliche Glaubwürdigkeit verlieh. Kaum eines dieser Mitglieder verfügte über medizinische, biochemische oder labortechnische Fachkenntnis, die es erlaubt hätte, die zentralen technischen Behauptungen des Unternehmens selbst zu bewerten oder die richtigen kritischen Fragen zu stellen.

Ein Gremium mit prominenten Namen erzeugt bei Investoren, Geschäftspartnern und Öffentlichkeit ein Gefühl von Seriosität, das sich unabhängig von der fachlichen Kompetenz seiner Mitglieder entfaltet. Bei einem Unternehmen mit leicht verständlichem Geschäftsmodell mag das wenig Schaden anrichten. Bei einem Unternehmen, dessen zentrales Versprechen auf einer hochkomplexen medizintechnischen Innovation beruht, wird die fehlende fachliche Durchdringung dagegen zum strukturellen Risiko, weil in der entscheidenden Kontrollinstanz niemand dieses Versprechen kritisch hinterfragen kann.

Ansehen, Erfahrung und ein bekannter Name sind wertvoll für jeden Aufsichtsrat, Beirat oder jedes Kuratorium. Den Zugang zu unabhängiger Fachkenntnis in den Bereichen, die für das jeweilige Vorhaben entscheidend sind, ersetzen sie nicht. Bei fachlich komplexen Vorhaben, sei es eine medizintechnische Innovation, ein größeres Bauprojekt, eine Kapitalanlage oder die Einführung neuer Software, sollte ein Gremium diese Fachkenntnis deshalb selbst besitzen oder sie gezielt und unabhängig von der operativen Führung einholen, bevor es zentrale Versprechen ungeprüft mitträgt.

Prominente Namen verleihen einem Aufsichtsgremium Glaubwürdigkeit und ersetzen doch keine Fachkenntnis. Bei komplexen Vorhaben muss ein Gremium diese Kenntnis selbst mitbringen oder unabhängig von der Geschäftsführung einholen.

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