Verantwortung, die bei niemandem liegt
Am 14. Juni 2017 zerstörte ein Brand den Grenfell Tower in London, ein Hochhaus mit Sozialwohnungen, und tötete 72 Menschen. Maßgeblich für die rasche Ausbreitung des Feuers war nach der späteren öffentlichen Untersuchung eine brennbare Fassadenverkleidung, die bei einer Sanierung wenige Jahre zuvor angebracht worden war.
Die Aufarbeitung förderte ein dichtes Geflecht an Verantwortlichkeiten zutage. Beteiligt waren der Bezirk als Eigentümer, eine von ihm eingesetzte Verwaltungsgesellschaft, mehrere Bau- und Planungsunternehmen, die Hersteller der Fassadenmaterialien, die örtliche Bauaufsicht und private Stellen, die diese Materialien zertifizierten. Der Abschlussbericht der Untersuchung warf 2024 mehreren Herstellern systematische Unehrlichkeit bei den Angaben zur Brennbarkeit ihrer Produkte vor und beschrieb jahrzehntelange Versäumnisse von Regierung, Aufsicht und Prüfstellen. Die strafrechtlichen Ermittlungen dauern bis heute an. Im Mai 2026 legte zudem ein von der Regierung eingesetztes unabhängiges Gremium seinen Bericht zur Bauaufsicht vor. Es beschreibt weiterhin ein zersplittertes und uneinheitliches System mit Interessenkonflikten und stark unterschiedlicher Kapazität der Prüfstellen.
Gerade dieser anhaltende Charakter macht den Fall für die Governance wertvoll. Grenfell lässt sich nicht mit dem Brand von 2017 abschließend erzählen, weil die strukturellen Probleme fast ein Jahrzehnt später fortbestehen. Die Beteiligten konnten sich in der Aufarbeitung jeweils auf ihren eigenen, formal begrenzten Zuständigkeitsbereich berufen. Die Sicherheit des Gebäudes als Ganzes lag bei niemandem eindeutig in alleiniger Verantwortung.
Der Fall arbeitet eine Unterscheidung besonders klar heraus, die weit über das Bauwesen hinaus trägt. Geteilte Verantwortung zwischen mehreren spezialisierten Stellen kann funktionieren, sofern klar festgelegt ist, wer im Zweifel für das Gesamtergebnis einsteht und die Teilverantwortungen zusammenführt. Diffuse Verantwortung, bei der jede Stelle für ihren Ausschnitt zuständig ist und niemand für das Zusammenspiel geradesteht, funktioniert dagegen strukturell nicht, gleich wie sorgfältig jede Stelle in ihrem eigenen Bereich arbeitet.
Geteilte Verantwortung funktioniert, solange feststeht, wer für das Gesamtergebnis einsteht. Diffuse Verantwortung, bei der jede Stelle nur ihren Ausschnitt sieht, lässt das Ganze ohne Verantwortlichen.
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