Worte lassen Mauern einstürzen

Viele Leser werden die Szene noch kennen, am Abend des 9. November 1989 trat Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros der SED und ihr Sprecher, vor die internationale Presse in Ost-Berlin. Die Pressekonferenz wurde live im Fernsehen übertragen. Kurz vor sieben Uhr verlas Schabowski eine neue Reiseregelung, die ihm Egon Krenz kurz zuvor in die Hand gedrückt hatte. An den Beratungen darüber hatte er nicht teilgenommen.

Die Regelung sollte der wachsenden Ausreisewelle über Ungarn und die Tschechoslowakei die Spitze nehmen. Privatreisen ins Ausland sollten ohne besondere Voraussetzungen beantragt und kurzfristig genehmigt werden können. Nach dem Willen ihrer Verfasser sollte die Regelung erst am nächsten Morgen bekanntgegeben werden. Davon wusste Schabowski nichts. Auf die Frage eines Journalisten, ab wann sie gelte, blätterte er sichtlich unsicher in seinen Unterlagen und antwortete, nach seiner Kenntnis trete sie sofort in Kraft, unverzüglich.

Westliche Medien meldeten noch am selben Abend, die DDR öffne ihre Grenzen. Tausende Ost-Berliner machten sich auf den Weg zu den Grenzübergängen. Die Grenzsoldaten dort hatten keinerlei Anweisungen. An der Bornholmer Straße wuchs die Menge über Stunden. Gegen halb zwölf ließ der diensthabende Oberstleutnant Harald Jäger den Schlagbaum öffnen, ohne einen Befehl dafür erhalten zu haben. Weitere Übergänge folgten in derselben Nacht.

Für die SED war dieser Abend ein vollständiger Kontrollverlust, für die Deutschen ein Glücksfall. Die Mechanik dahinter lässt sich dennoch nüchtern betrachten. Schabowski sollte eine Regelung erklären, an deren Entstehung er nicht beteiligt war und deren Bedingungen er nicht kannte. Die Öffentlichkeit erfuhr von ihr, bevor die Menschen, die sie umsetzen mussten, eine Anweisung hatten. Die Lücke füllten die Zuhörer mit der Deutung, die ihren Hoffnungen entsprach. Aus dem stockenden „unverzüglich“ wurde binnen Stunden eine vollendete Tatsache. Am Ende entschied ein Offizier an einem Grenzübergang, was die Führung offengelassen hatte.

In Organisationen wiederholt sich diese Abfolge im Kleinen, wann immer Beschäftigte eine Entscheidung aus der Presse oder dem Intranet erfahren, bevor ihre Vorgesetzten Fragen dazu beantworten können. Wer eine Entscheidung nach außen vertritt, braucht mehr als den Text. Er muss wissen, was gemeint ist, was offen bleibt und welche Fragen zu erwarten sind. Die Menschen, die eine Entscheidung umsetzen, brauchen ihre Anweisungen, bevor sie öffentlich wird. An der Bornholmer Straße traf ein Offizier in dieser Lücke eine besonnene Entscheidung. Eine Organisation sollte sich darauf nicht verlassen.

Wer eine Entscheidung verkündet, muss sie in allen Einzelheiten kennen. Die Menschen, die sie umsetzen, brauchen ihre Anweisungen, bevor die Öffentlichkeit davon erfährt. Wo Anweisungen fehlen, entscheiden am Ende die Menschen vor Ort.

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