Gedankenexperiment Zeitreise
Derzeit denken viele Menschen darüber nach, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Warum nicht einmal die Perspektive wechseln? Ich mag Geschichte und so kam es zu diesem Gedankenexperiment. Ich reise exakt 1.000 Jahre zurück und darf mir aussuchen, wo ich lande. Mein Wissen über Sprache und alles Moderne wird gelöscht. Dafür bekomme ich die Sprache und das Wissen der Zeit, in der ich lande. Zehn Pakete darf ich mir aber aussuchen, die mitreisen und nicht an das damalige Wissen gebunden sind. Ein Paket darf dabei keine ganze Disziplin sein. Moderne Medizin fällt also aus, ein einzelnes Verfahren wie eine Rehydratationslösung nicht. Sehr einfach wäre wohl der Start in China, weil Papier, Druck, Hochseeschifffahrt und Hochöfen dort schon existieren. So leicht soll es aber nicht sein, daher wird es Byzanz am 29. September 1026.
Was also nehme ich mit in die Zeit?
- Keimhygiene
- Impfung (Pocken)
- Schießpulver mit Salpeterproduktion und Körnung
- Eiserne Ringrohr-Kanone
- Karacke (Schiffsbauanleitung plus rudimentäre Bedienung)
- Weltkarte mit Küstenlinien, Winden, Strömungen und Rohstoffvorkommen
- Serienfertigung mit Normmaßen, Schablonen und Arbeitsteilung
- Kleewirtschaft mit Fruchtfolge
- Buchdruck mit beweglichen Lettern und Druckerschwärze
- Doppelte Buchführung
In Konstantinopel stehen ein starker Staat, ein Hafen von Weltrang und ein Arsenal, das Schiffe in großer Zahl bauen kann. Der Thron ist allerdings gerade neu besetzt. Basileios II. starb im Dezember 1025. Nun regiert sein Bruder Konstantin VIII., der nur Töchter hat und bis 1028 herrschen wird. Er ist kein Herrscher, der das Reich mit einem einzigen Erlass bewegt, es braucht also Zugang, Vertrauen und Verbündete am Hof. Ein Neuankömmling ohne Netzwerk bekommt diesen Zugang am ehesten als Heiler. Die ersten beiden Pakete dienen deshalb zugleich als Eintrittskarte.
Die Keimhygiene bündelt Händewaschen, Abkochen von Trinkwasser, saubere Geburt, die Rehydratationslösung aus einem Liter abgekochtem Wasser mit sechs Teelöffeln Zucker oder Honig und einem halben Teelöffel Salz sowie die Desinfektion von Wunden mit Branntwein oder Wein. Am Hof würde ich sie als Reinheitslehre einführen, weil sich Keime im Jahr 1026 nicht erklären lassen und Reinheit als Ordnungsprinzip jeder versteht. Ruhr und andere Durchfallerkrankungen töteten Kinder wie Soldaten in Massen. Byzanz hat mit seinen Zisternen und Aquädukten die Infrastruktur bereits. Es fehlt nur das Wissen, wie man sie richtig nutzt. Die Rehydratationslösung würde ich von Anfang an selbst anwenden, das sehr einfache Rezept aber für mich behalten, bis man mir am Hof Gehör schenkt. Ohne dieses Gehör ließe sich keines der übrigen Pakete durchsetzen, nicht einmal etwas so Unverfängliches wie die Kleewirtschaft. Die Kuhpocken-Impfung stoppt einen der größten Einzelkiller der Zeit, wirkt aber nicht sofort, denn zuerst braucht es eine Kuh mit Kuhpocken und die sind selten. Bis eine gefunden ist, bliebe nur die Variolation mit echtem Pockenmaterial, die bei ein bis zwei Prozent der Behandelten tödlich endet. Trotzdem gehört das Paket zu den stärksten Hebeln der Liste.
Für die Schlagkraft sorgen zwei Pakete, die zusammengehören. Das Schießpulver liefert die Treibkraft. Der Engpass liegt in der Salpeterproduktion, denn die Beete aus Mist und Erde brauchen ein bis zwei Jahre bis zur ersten Ernte. Die Körnung ist der Trick, der das Pulver überhaupt erst treibkräftig macht. Die Ringrohr-Kanone macht daraus eine Waffe. Sie besteht aus Längsstäben aus Schmiedeeisen, die um einen Kern gelegt und mit heiß aufgezogenen Eisenringen zusammengeschmiedet werden. Dazu kommen eine Kammer für die Ladung und eine hölzerne Lafette. Das Schmiedeeisen liefern die Rennöfen, die Byzanz längst kennt, und Eisen beschafft sich das Reich leichter als das knappe Zinn für Bronze. Die Kanone zerstört Mauern und Schiffsrümpfe und ist den Waffen der Zeit auf Dauer überlegen, selbst wenn die großen Wurfmaschinen ihr anfangs kaum nachstehen. Geheim halten ließe sich das Geschütz allerdings nicht, denn ein erbeutetes Ringrohr zeigt jedem Schmied Bauweise und Prinzip. Schützen würde ich stattdessen das Pulver, so wie Byzanz das Griechische Feuer jahrhundertelang bewahrt hat, obwohl Gegner Siphons erbeuteten, die ohne die Mischung wertlos waren. Salpeterreinigung, Mischungsverhältnis und Körnung blieben dann in den Händen weniger bewachter Handwerker. Aus China sickert solches Wissen mit der Zeit über die Seidenstraße, sodass andere das Pulver irgendwann selbst fänden. Ein Vorsprung von einigen Jahrzehnten genügt aber, um sich die Region und die Seewege zu sichern. Der Vorsprung bei Organisation und Nachschub hält ohnehin deutlich länger als der bei der Waffe.
Die Erkundung funktionieren über die Karacke und die Weltkarte. Bei der Karacke merke ich mir nur die Bauweise mit Kastellen an Bug und Heck, Heckruder, Spantenbau und drei Masten, sowie grob wie gesegelt wird. Sie ist Frachter und Kampfschiff in einem, lässt sich mit Griechischem Feuer und Bogenschützen bestücken und ist durch ihre hohe Bordwand schwer anzugreifen. Unter Segel übertrifft sie die Schiffe des Mittelmeers und Europas, wobei chinesische Dschunken der Song-Zeit wohl mindestens ebenbürtig sind. Bei Flaute bleibt die vorhandene Galeere überlegen, weshalb sich beide Typen ergänzen. Die Besatzungen der Karacke müssen Rahsegel und Heckruder erst lernen, was auch mit gewissen Grundkenntnissen einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Weltkarte zeigt Weg und Ziel samt Winden, Strömungen und Rohstoffen, sodass ich weiß, wo Gewürze und Silber liegen und wie ich sie erreiche. Die Position auf See bestimmt man über Sonnenhöhe und Polarstern. Südlich des Äquators, wo die Strecke um Afrika verläuft, fehlt allerdings der Polarstern. Dort bleibt nur die Mittagssonne, deren Höhe für die Breitenbestimmung ausreicht.
Vier Pakete dienen dem Staat. Der Schiffsserienbau der Niederländer zeigt, was möglich ist. Ihre Werften bauten mit genormten Schiffstypen, Schablonen für die Spanten und strenger Arbeitsteilung große Flotten in kurzer Zeit. Die Ostindien-Kompanie stützte darauf einen Teil ihres Erfolgs. Das Arsenal von Konstantinopel arbeitet bereits arbeitsteilig. Mit Normmaßen und Austauschteilen würde die Karacke aber schneller und billiger entstehen und Reparaturen fern der Heimat ließen sich vor Ort erledigen. Die doppelte Buchführung verstärkt diesen Effekt. Byzanz hat eine ausgebaute Bürokratie, aber erst saubere Zahlen zeigen dem Hof, welche Werften und Arsenale Geld verbrennen und welche Fahrten Gewinn bringen. Die Kleewirtschaft trägt die Bevölkerung, die Heer und Flotte erst bemannt. Klee und Luzerne binden Stickstoff, die Brache entfällt und im Winter steht Futter für das Vieh bereit. Ihre Wirkung baut sich über Jahre auf. Der Buchdruck verbreitet Wissen in einer Menge, die keine Schreibstube leisten kann. In einem Reich mit wenigen Lesekundigen wirkt er zugegeben langsam, dürfte dafür aber sehr nachhaltig sein.
Ein Risiko trägt die ganze Liste, nämlich das Holz. Schmieden, Pulvermühlen und Karacken verbrauchen Holzkohle und Eichenholz und im Mittelmeerraum ist beides knapp. Ohne vorausschauende Forstwirtschaft, neue Waldgebiete oder Holzimporte würde das Reich sich sprichwörtlich den Ast absägen, auf dem es sitzt.
Fast interessanter als die Auswahl ist das, was ich wieder gestrichen habe, denn jedes dieser Pakete klang auf den ersten Blick stark. Das Penicillin stand in meiner ersten Liste ganz oben und der Verzicht fiel mir schwer. Mit den Mitteln der Zeit ließe sich allerdings nur eine rohe Schimmelbrühe gewinnen, deren Dosis unberechenbar bleibt und die von der Magensäure zerstört wird. Sie taugte für die äußere Behandlung von Wunden, also genau dort, wo die Keimhygiene ohnehin das meiste verhindert. Bei Lungenentzündung oder Blutvergiftung, wo ein Antibiotikum wirklich Leben rettet, hätte ich keinen Nutzen davon und für ein eigenes Paket ist das zu wenig.
Bei der Papierherstellung fiel mir die Entscheidung ebenfalls schwer. Byzanz importiert Papier aus Syrien und der Druck auf diesem geleimten Papier gelingt, wenn man es vorher anfeuchtet. Gutenberg hatte kein besseres. Besseres Papier wäre wertvoll, steht aber im Vergleich zu den anderen Paketen zurück. Dazu kommt die Herrschaftslogik der Zeit, in die ich mich einfügen muss. Mit Kanonen an Land und der Karacke auf See lässt sich die Region sichern und mit ihr die Lieferwege für Papier. Die Lebensmittelkonservierung verliert gegen Techniken, die Byzanz längst beherrscht. Man pökelt, räuchert, trocknet und legt ein. Der Zugewinn durch Einkochen im Tonkrug bliebe klein und unzuverlässig.
Der Kompass war lange gesetzt und musste am Ende den Geschützen weichen. Byzanz muss ohne ihn auskommen, so wie die Seefahrer des Mittelmeers es seit Jahrhunderten mit Sonne, Sternen und Küstenkenntnis tun. Bei Nebel und Bewölkung auf offener See bleibt das die empfindlichste Lücke der Liste.
Beim Hochofen mit Wasserradgebläse lief es ähnlich. Er liefert Eisen in großer Menge, doch die Kanone braucht ihn nicht, denn Ringrohre bestehen aus Schmiedeeisen aus dem Rennofen. Roheisen ist spröde und muss erst gefrischt werden. Dazu frisst der Ofen Holzkohle in einem Ausmaß, das das Waldproblem verschärft. Der Serienbau bringt für den gleichen Platz mehr.
Am längsten habe ich über die Dampfmaschine und damit auch als Schiffstyp das eiserne Dampfschiff anstelle der Karacke, nachgedacht, immerhin hätte es laut einer kurzen Recherche hochwertige Steinkohle auf dem Staatsgebiet gegeben welches teilweise sogar oberflächlich an der Küste hätte abgebaut werden können. Ein Eisenrumpf mit Dampfantrieb und Kanonen wäre jedem anderen Schiff der Welt im Gefecht überlegen, bliebe aber viel einseitiger als die Karacke. Mit den Mitteln der Zeit ließe sich beides nicht sicher bauen und für lange Expeditionen taugte es kaum. Die Karacke lässt sich dagegen mit dem Wissen um ihren Aufbau problemlos herstellen, sie umsegelt die Welt und treibt nebenbei Handel.
In China hätte ich mir die Hälfte dieser Überlegungen sparen können, weil vieles davon dort schon existiert. Gerade deshalb reizt mich Byzanz mehr. Jedes Wissenspaket muss dort einen echten Zugewinn bringen und sich in einem Reich bewähren, das stark ist, aber gerade seinen stärksten Kaiser verloren hat und vor großen Herausforderungen steht.
Mehr aus der Reihe findet sich in der Übersicht unter: Aus der Geschichte lernen