Wer bleiben soll, muss erleben dürfen

Heute bei der Referententreffen für Datenschutz der EKD haben mich zwei Gespräche beschäftigt, die nichts mit dem Tagungsthema zu tun haben. In dem einen ging es darum, dass jeder Euro, der in Kinder investiert wird, sich für die Gesellschaft vielfach auszahlt. Im anderen Gespräch stand die Beobachtung im Mittelpunkt, dass viele Menschen, die positive Erfahrungen mit Kirche in ihrer Kindheit gemacht haben, diese als prägend und tragend erinnern und eine lebendige Gemeinde trotz Finanznöten hier investieren muss. Kinder-Zukunft-Geld mal kirchlich, mal gesellschaftlich. 

Diese beiden Gedanken mit dem so ähnlichen Dreiklang haben sich bei mir festgesetzt und ich habe mich gefragt, gibt es dazu vielleicht eine Studie. Ich bin dann auf eine recht aktuelle Studie des Pew Research Center gestoßen: „Why Americans Leave Religion – and Why They Stay“. Auch wenn sie aus den USA stammt und damit nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar ist, halte ich die grundlegenden Mechanismen in einer modernen, vernetzten Gesellschaft für vergleichbar

Eine der zentralen Aussagen der Studie ist zunächst überraschend nüchtern: Der häufigste Grund, warum Menschen Religion verlassen, ist der Verlust des Glaubens selbst und ich glaube auch in Deutschland ist es nicht die Kirchensteuer, sondern exakt der gleiche Punkt, möglicherweise aber in einer etwas leichteren Gewichtung. Etwa die Hälfte derjenigen, die religiös aufgewachsen sind und später konfessionslos werden, geben an, dass sie schlicht nicht mehr an die grundlegenden Aussagen glauben. Nicht mehr glaube, das klingt zunächst nach einer rein intellektuellen Entwicklung, als würde sich Glauben vor allem auf der Ebene von Argumenten entscheiden.

Genau an dem Punkt setzt die Studie an und schaut genauer hin, nämlich was sind die Ursachen für den Verlust oder die Wahrung des Glaubens. Es wird deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit, ob Menschen religiös bleiben oder nicht, stark mit der Qualität ihrer Erfahrungen mit dem Glauben in Kindheit und Jugend zusammenhängt. Wer überwiegend positive Erfahrungen gemacht hat, geprägt von Zugehörigkeit, Vertrauen, glaubwürdigen Vorbildern und einem positiven Gemeinschaftsgefühl, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit religiös gebunden (80% bleiben gläubig). Wer hingegen negative Erfahrungen gemacht hat, etwa durch Verurteilung, Heuchelei, Langweile, Angst oder toxische Dynamiken, wendet sich deutlich häufiger ab (30% bleiben gläubig).

Dies deckt sich mit meinen Erfahrungen aus Gesprächen mit Menschen die gläubig sind oder eben ihren Glauben verloren haben, nur hatte ich das niemals in Häufigkeiten betrachtet. Der „Verlust des Glaubens“ ist oft nicht der Anfang eines Prozesses, sondern vielmehr dessen Ergebnis. Zweifel hat wohl jeder Mensch, die Frage ist, wie gehen wir mit diesen um. Kommen die Zweifel auf treffen sie entweder auf einen Boden, der tragfähig ist oder eben nicht. Zwei Menschen können mit denselben Fragen konfrontiert sein und dennoch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen, je nachdem, welche Erfahrungen sie geprägt haben.

Für die Kirche sollte dies eigentlich eine einfache Einsicht, ob sie bequem ist, ist eine andere Frage. Es bedeutet, dass die entscheidenden Faktoren nicht primär in Programmen, Formaten oder äußeren Anpassungen liegen. Es geht weniger um die perfekte Veranstaltung als um die Qualität der Beziehungen. Weniger um das, was gezeigt wird, als um das, was tatsächlich erlebt wird. Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Geborgenheit lassen sich nicht inszenieren, sie entstehen oder sie entstehen systembedingt eben nicht. Insbesondere die Rolle von Bezugspersonen wird in der Studie hervorgehoben. Menschen erinnern sich selten an Programme, aber sehr genau an Menschen: an jene, die ihnen zuhörten, halfen, sie ernst nahmen und vielleicht sogar Vorbild waren. Eine einzelne vertrauensvolle Beziehung kann dabei nachhaltiger wirken als viele gut gemeinte Angebote.

Diese Einsichten reichen für mich weit über den kirchlichen Kontext hinaus. Sie berühren eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage: Wie entsteht Vertrauen in Institutionen und wie geht es verloren? Die Logik, die die Studie beschreibt, lässt sich ohne Weiteres auf andere Bereiche übertragen, insbesondere auf die Demokratie und deren dauerhafte Resilienz. Auch demokratische Strukturen leben nicht allein von Regeln, Verfahren und Institutionen, so wichtig diese sind. Sie leben davon, dass Menschen das Gefühl haben, gesehen zu werden, beteiligt zu sein und Fairness zu erfahren. Wer in frühen Lebensphasen erlebt, dass Gemeinschaft trägt und dass Mitwirkung einen Unterschied macht, wird sich mit höherer Wahrscheinlichkeit auch später einbringen. Eine Studie aus Deutschland zeigte an dem Punkt, dass Menschen die sich als Jugendliche ehrenamtllich engagierten deutlich seltener demokratiefeindliche Parteien wählen. Wer hingegen früh die Erfahrung macht (oder auch nur glaubt diese gemacht zu haben), dass Systeme distanziert, ungerecht oder leer sind, wird sich eher zurückziehen oder ihnen misstrauen.

So verbindet sich der Gedanke aus dem ersten Gespräch, die Investition in Kinder, mit der Studie auf eine sehr grundlegende Weise. Es geht nicht nur um Bildung im engeren Sinne oder um ökonomische Effekte, sondern um die Prägung von Vertrauen, Zugehörigkeit und Verantwortungsgefühl. Diese „unsichtbaren“ Faktoren sind es, die langfristig darüber entscheiden, wie stabil eine Gesellschaft/Gemeinschaft ist. Für mich ergibt sich daraus kein pessimistisches Bild, sondern eher eine Bestätigung dessen, was Kirche und Demokratie im Kern gemeinsam haben können: Beide sind darauf angewiesen, dass Menschen sich als Teil eines größeren Zusammenhangs erleben. Beide brauchen Räume, in denen Vertrauen wachsen kann und beide stehen vor der ähnlichen Herausforderung, nicht nur strukturell zu funktionieren, sondern auch menschlich glaubwürdig zu sein.