Wertegerüst

Ich bin meinen Eltern sehr dankbar. Ich komme aus einem stark werteorientierten Elternhaus, und vieles von dem, was mir dort vermittelt wurde, prägt mich bis heute. Natürlich habe ich diese Werte im Laufe meines Lebens kritisch hinterfragt. Vieles habe ich übernommen, manches angepasst und anderes bewusst verworfen, weil es nicht zu meinen eigenen Überzeugungen und meinem Lebensweg passt.

Besonders dankbar bin ich meinen Eltern dafür, dass sie mich dazu ermutigt haben, meinen eigenen Weg zu gehen. Sie haben mir Eigenständigkeit vermittelt und mir gleichzeitig das Gefühl gegeben, dass da Menschen sind, die mich lieben und jederzeit für mich da sind. Diese Kombination aus Freiheit und Geborgenheit empfinde ich als großes Geschenk.

Heute, in meiner Rolle als Vater, wünsche ich mir, genau das auch meinen Söhnen mitzugeben. Ich möchte ihnen die Welt zeigen, sie ermutigen, neugierig zu sein, und sie darauf vorbereiten, auch in schwierigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ich möchte ihnen ein Wertegerüst mitgeben, das ihnen Halt gibt, ohne sie einzuengen. Ein Fundament, das Stabilität schafft und gleichzeitig Raum lässt, sich weiterzuentwickeln. Für mich sind grundlegende Werte ein wenig wie ein Grundgesetz: Sie bilden das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Sie können sich behutsam weiterentwickeln und an neue Lebensrealitäten anpassen, ohne ihren Kern zu verlieren.

Trends, Strömungen und gesellschaftliche Veränderungen werden immer kommen und gehen. Ich hoffe, meinen Söhnen vermitteln zu können, dass man offen für Neues sein, mit der Zeit gehen und Veränderungen annehmen kann, ohne dabei die eigenen Werte zu verraten. Denn genau darin liegt für mich echte innere Ausrichtung: seinen eigenen Weg zu gehen, sich weiterzuentwickeln und dabei dennoch zu wissen, wer man ist und wofür man steht.

Wenn ich an meine Großväter denke, wird das noch greifbarer. Einer von ihnen war Richter in einer Zeit, in der persönliches Gewissen und Unabhängigkeit alles andere als selbstverständlich waren. Er verweigerte es, Urteile im Sinne des Regimes zu fällen, und wurde in den letzten Kriegsmonaten noch an die Front geschickt. Dort suchte er den Feind nicht, um zu kämpfen, sondern um sich bewusst friedlich zu ergeben und in Gefangenschaft zu gehen.

Solche Geschichten zeigen mir, dass sich über Generationen hinweg etwas weitertragen kann, das tiefer liegt als einzelne Überzeugungen oder Zeitumstände – eine innere Ausrichtung, die Entscheidungen prägt, auch unter großem Druck.

Gleichzeitig bin ich relativ spät Vater geworden. Schon bevor ich Kinder hatte, habe ich mir oft gesagt, dass ich gerne Spuren in der Welt hinterlassen würde – vor allem durch mein Handeln, durch Hilfe für andere und durch sinnstiftende Projekte. Jetzt, mit Kindern, hat sich dieser Gedanke noch einmal verändert. Für mich sind Kinder die größte Spur, die man hinterlassen kann.

Und doch wünsche ich mir, dass es nicht einfach meine Spur ist, die weitergeführt wird. Sie sollen ihren eigenen Weg gehen und ihre eigenen Spuren hinterlassen. Vielleicht aber bleibt so etwas wie ein roter Faden – nichts Starres, sondern etwas Lebendiges, das sich von Generation zu Generation weiterentwickelt.

Ein Faden, der weitergesponnen wird, ohne dass er festlegt, wie das Bild am Ende auszusehen hat. Und wenn man irgendwann auf das Ganze schaut, wäre es schön, wenn etwas daraus geworden ist, das nicht perfekt sein muss, aber stimmig – etwas, das trägt und im Rückblick einfach gut ist.