Generalist mit Mosaiklebenslauf

Die meisten Menschen in meinem Umfeld haben einen recht geradlinigen Lebenslauf. Das kann ich von mir beim besten Willen nicht behaupten. In meinem Leben habe ich mit insgesamt vierzehn verschiedenen Tätigkeiten Geld verdient. Wenn ich den Leistungssport außer Acht lasse, war mein erster richtiger Beruf der des Zeitsoldaten. Am beständigsten war ich als Anwalt tätig insgesamt fast 17 Jahren. 

Der Hauptgrund, warum ich damals Rechtswissenschaften als erstes Studium wählte und nicht Politik oder Sozialwissenschaften, wofür ich mich eigentlich stärker interessierte, war die generalistische Ausbildung, die uns Juristen geboten wird, und die vielen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Ironischerweise lehnte ich es lange Zeit ab, jemals als klassischer Jurist zu arbeiten. Wie so oft im Leben kam es anders, als man plant und denkt.

 

Zwischendurch habe ich, wie so oft als übergangsweiser Ersatz für einen Spezialisten, sogar kurz selbst im HR-Bereich gearbeitet. Rückblickend sehe ich bei mir kein klassisches Karrieremuster, sondern ein Mosaik aus Erfahrungen, Branchen und Rollen. Lange Zeit dachte ich, dieses Mosaik sei ein Nachteil, schließlich scheint der Trend immer mehr zum Spezialisten zu gehen.

Heute bin ich überzeugt, Generalisten werden in einer von KI und ständigem Wandel geprägten Wirtschaft wieder deutlich mehr gebraucht. In einer Welt, in der Wissen per Mausklick verfügbar ist, werden andere Fähigkeiten entscheidend. Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, schnell und gewissenhaft zu analysieren, denn auch KI macht Fehler, Brücken zwischen Disziplinen zu schlagen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren.

Generalisten sind die Möglichmacher, die unterschiedliche Perspektiven integrieren, Innovationen vorantreiben und Teams zusammenhalten. Sie können die Rolle eines Übersetzers zwischen Fachgebieten übernehmen und Lösungen finden, die über den Tellerrand hinausgehen.

Spezialisten verlieren dabei keineswegs an Bedeutung, im Gegenteil, sie sind in ihrem Feld unverzichtbar. Doch gerade in Bereichen, die von Wandel, Unsicherheit und Wachstum geprägt sind, gewinnen Generalisten wieder an Bedeutung. Sie erkennen neue Trends, schaffen Verbindungen und gestalten Veränderungen.

Durch die künstliche Intelligenz verschiebt sich die Wertschöpfung. Routineaufgaben werden automatisiert, während die Fähigkeit, verschiedene Wissensgebiete zu verknüpfen, immer wichtiger wird. Unternehmen brauchen Menschen, die das große Ganze sehen, sich schnell in neue Themen einarbeiten und Teams aus Spezialisten sinnvoll steuern können. Generalisten sind oft diejenigen, die in komplexen Projekten den Überblick behalten, Risiken frühzeitig erkennen und kreative Lösungen entwickeln.

Gerade im Zeitalter der Transformation, sei es Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder demografischer Wandel, braucht es meiner Meinung nach Menschen, die verschiedene Perspektiven einbringen und flexibel auf neue Herausforderungen reagieren.