Bewerbung
Eine von zwei besonderen Bewerbungssituationen aus meinem beruflichen Leben ist mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben. Es gab insgesamt nur wenige Situationen, in denen ich mich beworben habe, aber diese Geschichte war auf ihre eigene Art einzigartig.
Damals hatte ich eine Initiativbewerbung geschrieben, weil mich der Tätigkeitsbereich des Unternehmens sehr interessierte. Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von einer Vorstandssekretärin. Meine Kurzbewerbung sei auf Interesse gestoßen und sie fragte mich, ob ich bis zum kommenden Montag meine kompletten Bewerbungsunterlagen einreichen könne. Ich sagte zu aber das Problem war, dass ich zu diesem Zeitpunkt kaum Erfahrung mit Bewerbungen hatte und auch noch nie „komplette“ Bewerbungsunterlagen erstellt hatte.
Also saß ich am nächsten Tag auf dem Weg nach Grömitz im Auto auf dem Beifahrersitz, während meine damalige Partnerin fuhr und ich versuchte unterwegs meine Bewerbung zu „vervollständigen“.
Der Einstieg lautete sinngemäß: „Sehr geehrte Damen und Herren, da ich es pflege, Zusagen einzuhalten, werde ich selbstverständlich versuchen, auf dem Weg in den bereits länger geplanten Urlaub die gewünschten Unterlagen für Sie zu komplettieren.“ Auch danach ging es in eher diesem Stil weiter. Ja, ich war in einer Situation, in der ich nicht auf eine Zusage angewiesen war und war vielleicht auch etwas verwundert, dass dieses Mal meine Unterlagen nicht ausreichend erschienen. In einem viel zu lockeren Stil ging es weiter mit der Motivation und einem ausführlichen Anschreiben. Als neues Bewerbungsfoto wählte ich auch etwas recht ungewöhnliches. Ich wusste, dass zwei Vorstände begeisterter Segler war. Also zog ich meinen Anzug an und wir gingen in den Yachthafen von Grömitz. Dort sprach ich einen Yachtbesitzer an und fragte freundlich, ob ich kurz ein paar Fotos auf seinem Boot machen dürfte. Als ich die Erlaubnis hatte, machte meine damalige Partnerin ein Foto in dem ich ein Pappschild hochhielt auf dem Stand: „Ich würde gerne bei Ihnen anheuern“ und schickte die Unterlagen zeitnah per Mail an das Unternehmen.
Da ich die Unterlagen unterwegs natürlich nicht per Post verschicken konnte, schickte ich sie letztlich per E-Mail ab. Rückblickend war meine Bewerbung wahrscheinlich alles andere als perfekt und ich bin mir nicht sicher was ich selbst von solch einer Bewerbung gehalten hätte, also ob ich die Person dahinter eingeladen hätte. Am darauffolgenden Montag klingelte erneut das Telefon. Man richtete mir aus, dass der Vorstandsvorsitzende mich gerne persönlich kennenlernen würde. Als Termin schlug man Freitag, 17 Uhr vor.
Nachdem ich zugesagt hatte, dachte ich mir allerdings: Wer um alles in der Welt legt denn ein Bewerbungsgespräch auf Freitagabend um 17 Uhr? Als es denn so weit war, meldete ich mich am Empfang und wurde in einen großen Raum geführt, der eher wie ein Konferenzsaal als ein Besprechungszimmer wirkte. Dort wartete ich ungefähr eine halbe Stunde alleine, bis schließlich der Vorstandsvorsitzende gemeinsam mit seiner Assistentin hereinkam. Er entschuldigte sich kurz. Es sei noch etwas Wichtiges dazwischengekommen.
Dann begann das Gespräch. Die Situation war etwas skurril. Der Raum war ziemlich groß und unsere Tische standen zwar gegenüber aber so weit auseinander, dass wir uns über mehrere Meter hinweg unterhielten. Trotz allem entwickelte sich ein interessantes Gespräch. Es ging um meine Person, um fachliche Themen, Projekte und aktuelle Herausforderungen in der Branche. Plötzlich stand der Vorstandsvorsitzende auf, ging um seinen Tisch herum, kam direkt auf mich zu, blieb vor mir stehen und sagte in recht lautem Ton: „So ein Mist! In meinen zwanzig Jahren habe ich noch nie eine so schlechte und arrogante Bewerbung gelesen wie Ihre.“ Er schaute mich an und ich war mir in diesem Moment ziemlich sicher, dass das Gespräch damit beendet war.
Ich schwieg erstmal und er redete im gleichen Tonfall weiter: “Und jetzt, jetzt habe ich ein Problem mit ihnen!”
Ich schaute ihn an und antwortete sinngemäß: „Ich glaube, ich verstehe das Problem. Aber fühlen Sie sich frei, das weiter auszuführen.“
Daraufhin grinste er plötzlich. „Das Problem ist“, sagte er, „dass Sie mir sympathisch geworden sind. Jetzt muss ich hier noch eine Stunde mit Ihnen zusammensitzen, obwohl ich längst Feierabend haben wollte.“ Eine weitere Stunde wurde es nicht aber es wurde dann sehr konkret, was wir uns jeweils vorstellen könnten. Am Ende des Gesprächs erhielt ich tatsächlich ein Jobangebot. Diese Bewerbung war und ist weder Blaupause noch Methode. Sie entstand auf einer Autofahrt, aus einer urlaubstypischen Laune und der Freude an kleinen Pointen. Stil und Ton meines beruflichen Alltags sind seit Jahrzehnten deutlich nüchterner. In diesem Moment jedoch war mir die Form wichtiger als das Resultat.