Paparieren
Als mein ältester Sohn anderthalb Jahre alt war, erfand er ein Wort, das es eigentlich gar nicht geben dürfte und das doch alles erzählt: „Paparieren“.
Er war ein Kind in Bewegung, voller Entdeckungsdrang, nicht immer vorsichtig mit der Welt. Dinge gingen dabei zu Bruch, nicht aus Absicht, sondern aus Leben. Und wenn etwas nicht mehr ganz war, kam er zu mir. Nicht fragend im sprachlichen Sinn, sondern im Vertrauen eines kleinen Menschen, der noch nicht zwischen „kaputt“ und „lösbar“ trennt. Er kam, als wäre ich der Ort, an dem Dinge wieder in Ordnung finden.
Aus „Papa“ und „reparieren“ wurde in ihm dieses eine Wort: Paparieren. Ein kindlicher Begriff für eine sehr frühe Erfahrung: Dass da jemand ist, der hält, ordnet, wieder zusammenfügt.
Heute ist er vier Jahre alt. Und dieses Wort ist verschwunden.
Mein Kind löst sich aus einer Phase der reinen Bezugnahme und beginnt, die Welt selbstwirksam zu gestalten. Wo vorher das gemeinsame Wiederherstellen von Ordnung stand, entsteht nun Schritt für Schritt Eigenständigkeit. Er probiert selbst, scheitert selbst, richtet sich selbst wieder auf.
Das stimmt mich einerseits traurig, weil eine intensive Phase der Abhängigkeit endet, in der man so klar gebraucht wurde. Und zugleich erfüllt es mich mit großer Freude, zu sehen, wie er eigene Gedanken und Lösungen entwickelt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Gewinn gehört zu solchen Entwicklungsschritten dazu, etwas das für mich relativ neu ist.
Für mich liegt darin genau die notwendige Entwicklung: nicht weniger Bindung, sondern eine veränderte Form von Bindung.
Denn zugleich bleibt etwas bestehen, das ich als sichere Basis beschreiben würde. Er entfernt sich nicht aus Vertrauen, sondern innerhalb von Vertrauen. Er testet Grenzen nicht als Bruch, sondern als Erweiterung seiner Möglichkeiten. Und auch wenn er mich nicht mehr als den einzigen „Reparaturort“ der Welt braucht, bleibt die Gewissheit, dass es diesen Ort gibt.
Und vielleicht liegt genau darin die stille Wahrheit dieses kleinen erfundenen Wortes: Dass Beziehung am Anfang oft wie „Paparieren“ wirkt – als würde jemand von außen wieder ganz machen, was das Leben zerlegt hat. Und dass gute Entwicklung darin besteht, dass ein Kind zunehmend selbst an diesem Ganzwerden teilhat