Die Kirche und der Kampf um digitale Sichtbarkeit

Vor einem Jahr schrieb ich darüber, wie KI die Auffindbarkeit von Unternehmen verändern wird. Damals dachte ich an Brandings, Suchmaschinen, Kundenbindung und Leads. Ich hätte nicht gedacht, dass mein Blick auf dieses Thema einmal durch die Arbeit für eine Landeskirche geprägt werden würde. Heute, als Mitarbeiter einer evangelischen Landeskirche hat sich meine Blickwinkel erweitert und es stellt sich eine ganz neue Frage: Welche Stimmen prägen künftig überhaupt noch das Wissen von KI-Systemen?

Denn eines ist klar, immer mehr Menschen stellen ihre existenziellen Fragen nicht zuerst einer Pfarrerin, einem Religionslehrer oder theologischen Büchern. Sie stellen sie ChatGPT, Gemini und Co. Fragen nach Gott, Leid, Schuld, Hoffnung, Sexualität, Bibelauslegung oder Sinn werden zunehmend zuerst einer KI gestellt und für viele dort auch abschließend beantwortet. Die erste Antwort auf religiöse Fragen kommt für viele Menschen daher künftig nicht mehr aus kirchlichen Räumen, sondern aus statistischen Modellen und deren Ergebnisse basieren eben auf deren Daten. KI-Systeme lernen Religion dabei nicht aus Tradition, theologischer Tiefe oder gesellschaftlicher Verantwortung und sie haben eins ganz sicher nicht, eine Seele oder echte Erfahrungen als Lebewesen. Sie lernen aus Daten, aus Textmengen, Wiederholung, Strukturierbarkeit und Sichtbarkeit. Wer viele Inhalte produziert, klar formuliert, emotional kommuniziert und seine Positionen konsistent ins Netz stellt, wird wahrscheinlicher Teil dieser Systeme. Genau darin liegt eine Herausforderung für die großen Kirchen.
 

Denn gerade freikirchliche oder fundamentalistische Gruppen, wie auch Glaubenskritiker sind digital oft deutlich sichtbarer. Sie produzieren teilweise enorme Mengen an Content, formulieren einfacher, eindeutiger und konfliktorientierter. Ihre Inhalte sind häufig besser für algorithmische Systeme lesbar als die Sprache liberaler Theologie. Die evangelische Kirche dagegen ist oft differenziert, abwägend, diskursorientiert und regional fragmentiert. Das ist gesellschaftlich und theologisch eine Stärke. Für KI-Logiken aber nicht unbedingt.

Algorithmen bevorzugen häufig das Eindeutige. KI-Systeme rekonstruieren Wahrscheinlichkeiten aus dem, was oft gesagt wird, klar formuliert ist und digital verfügbar vorliegt. Ambivalenz, Kontext und komplexe theologische Traditionen lassen sich schwerer verdichten als einfache Wahrheiten oder kulturkämpferische Narrative. Die Gefahr ist deshalb nicht, dass KI „konservativ“ wird. Die Gefahr ist, dass sie jene Stimmen verstärkt, die am stärksten datenförmig auftreten.

Damit verschiebt sich automatisiert religiöse Autorität. Lange Zeit lag sie bei Institutionen, theologischer Ausbildung und gesellschaftlicher Verankerung. Heute entsteht Autorität zunehmend dort, wo Sichtbarkeit und Trainingsdaten vorhanden sind. Wenn die evangelische Kirche sich nicht stark digital öffnet werden ihre Perspektiven kein Teil jener Wissensräume sein, aus denen KI Antworten generiert.

Das hat auch eine politische Dimension. Wenn gesellschaftliche Mitte-Institutionen wie Kirchen, Universitäten oder öffentlich-rechtliche Medien im digitalen Raum an Präsenz verlieren, entstehen Leerstellen. Gleichzeitig begünstigen algorithmische Systeme oft Polarisierung, Zuspitzung und emotionale Eindeutigkeit. In einer Zeit, in der demokratische Institutionen ohnehin unter Druck geraten, wäre es naiv, die kulturelle Macht von KI-Systemen zu unterschätzen. Wer religiöse Sprache, Moral und gesellschaftliche Werte in diesen Systemen prägt, wird indirekt auch gesellschaftliche Debatten für sich beeinflussen.

Ich glaube die beiden großen Kirchen in Deutschland müssen KI deshalb keinesfalls nur als Effizienztechnologie begreifen, sondern als kulturelle Infrastrukturfrage. Womit der Punkt zeitnah zu klären ist, wie stellen wir sicher, dass menschenfreundliche, demokratische und theologisch reflektierte Positionen überhaupt Teil zukünftiger Wissenssysteme bleiben? Möglichkeiten gibt es durchaus, wobei digitale Sichtbarkeit mehr ist als Öffentlichkeitsarbeit. Wir sitzen datentechnisch auf dem größten Fundus an theologischen Inhalten, wir haben Archive die prall gefüllt sind mit Wissen aus Jahrhunderten, wir haben auf den Laptops des Pfarrpersonals Millionen von Predigten welche die Vielfalt unserer Kirche widerspiegeln. Was also machen wir mit diesem Schatz? Bleibt er zu lange verborgen, werden KI-Systeme ohne diese wichtigen und wertvollen Perspektiven gefüttert, verliert nicht nur unsere Stimmen an Gewicht sondern auch die Vielfalt und Offenheit, die wir in den letzten 50 Jahren mitprägen konnten. Für mich ist das eine Form kirchlicher Daseinsvorsorge, denn offene Wissensarchive, maschinenlesbare theologische Inhalte, frei zugängliche Predigten, ethische Orientierungstexte oder gut strukturierte Bildungsangebote wären dann nicht bloß Kommunikation. Sie wären ein Beitrag dazu, dass KI-Systeme Religion nicht ausschließlich aus den lautesten und radikalsten Datensätzen lernen.

Ob es uns gefällt oder nicht, KI wird religiöse Antworten geben, noch können wir Einfluss darauf nehmen, welches Christentum sie dabei lernt.