Sichtbarkeit schafft Stärke: Warum Führungskräfte mit Behinderung Vorbilder sein sollten

Mit drei Jahren erlitt ich einen fast tödlichen Unfall, bei dem ich alle Fingerglieder meiner linken Hand verlor. Aus den Resten der Fingerstücke konnten Spezialisten zumindest einen Finger rekonstruieren und die meisten Menschen übersehen diese Behinderung auf den ersten Blick bei mir. Nicht jedoch ein Fotograf, mit dem ich ein Shooting hatte. Er machte mich sehr freundlich darauf aufmerksam, dass ich doch für das Foto die gesunde Hand im sichtbaren Bereich der Aufnahme halten sollte. Ich verneinte dies, aber zum einen begleitet mich meine Behinderung schon fast mein ganzes Leben und zum anderen nehme ich diesen Teil meines Körpers meistens nicht als fehlerhaft wahr. Aber natürlich kann es in einer Welt, die oft von Perfektion und Makellosigkeit besessen ist, für Führungskräfte mit Behinderungen verlockend sein, ihre Herausforderungen zu verbergen. Doch gerade das Sichtbarmachen der eigenen Verletzlichkeit kann zu einer ungeahnten Quelle der Stärke werden, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern für ein ganzes Unternehmen und darüber hinaus.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein junger Mensch mit einer Behinderung, der davon träumt, eines Tages eine Führungsposition zu bekleiden. Sie blicken sich um und sehen... niemanden, der Ihnen ähnelt. Keine Vorbilder, keine Erfolgsgeschichten, die Ihnen Mut machen könnten. In dieser Situation befinden sich viele Menschen mit Behinderungen, wenn sie überhaupt auf den ersten Arbeitsmarkt gelangen. In Führungspositionen sind sie noch viel seltener anzutreffen und jene Führungskräfte, die ich in solchen Positionen kennenlernen durfte, hatten bis auf eine Ausnahme, ihre Behinderung erst deutlich nach dem Berufsstart ereilt.

Es fehlt leider viel zu sehr an Sichtbarkeit. Dabei wäre dies möglich, wie man zum Beispiel an K. Nadeem Arif, CEO des Unternehmens outsourcing4work, sehen kann. Mit seiner Schwerbehinderung leitet er erfolgreich sein Unternehmen und zeigt damit, dass Behinderung und Führungsstärke sich keineswegs ausschließen. Seine Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, wie gelebte Diversität nicht nur möglich, sondern auch gewinnbringend sein kann. Wenn Führungskräfte ihre Behinderung offen zeigen, setzen sie ein kraftvolles Zeichen. Sie demonstrieren, dass Vulnerabilität keine Schwäche ist, sondern eine Quelle der Stärke sein kann. Dies trägt dazu bei, Vorurteile und Barrieren in den Köpfen abzubauen.

Führungskräfte, die zu ihrer Behinderung stehen, können in ihrem Unternehmen eine Atmosphäre des Vertrauens und der Offenheit etablieren. Sie ermutigen andere Mitarbeiter, auch unsichtbare Behinderungen oder Herausforderungen anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. In einer Zeit in der immer mehr psychische Krankheiten zu Ausfällen bei den Mitarbeitern führen, kann es von großer Bedeutung sein, hier frühzeitig zu agieren. Zumal diverse Teams nachweislich kreativer und erfolgreicher sind und damit die Innovationskraft eines Unternehmens nachhaltig stärken. Letztendlich geht es darum, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der jeder Mensch mit seinen individuellen Stärken und Herausforderungen willkommen ist. Eine Kultur, in der Behinderung nicht als Makel, sondern als wertvolle Perspektive gesehen wird.

Jede Führungskraft, die den Mut aufbringt, ihre Behinderung sichtbar zu machen, trägt dazu bei, eine inklusivere Arbeitswelt zu schaffen. Sie öffnet Türen für die nächste Generation und sendet eine kraftvolle Botschaft: Du bist wertvoll, genauso wie du bist. Deine Herausforderungen machen dich nicht schwächer, sondern stärker. Und ja, auch du kannst Führungskraft sein, mit all deinen Ecken und Kanten. Gerade für den derzeitigen Wandel hin zur Industrie 4.0 können andere Perspektiven neue Wege aufzeigen und Lösungen mitentwickeln, zu denen man sonst nur auf kostenintensiven Umwegen gekommen wäre.