Die Fischrettung (Vater und Sohn)
Seit vier Wochen muss ich meinem Sohn mindestens einmal am Tag die „Geschichte“ von unserer Fischrettung erzählen. Das Thema lässt ihn nicht mehr los, wir „retten“ immer mal wieder kleine Tiere, aber nichts war auch nur annähernd so einschneidend für diesen kleinen Menschen wie dies.
Wie alles begann, ich kam von der Arbeit heim und auf dem Heimweg sah ich, mitten in der Stadt, einen Fischreiher, wie er freudig Fische fing. Ich vermute, zu dem Zeitpunkt führte der Wasserlauf bereits wenig Wasser, es fiel mir da aber noch nicht auf. Ich schnappte mir unseren Jüngsten und ging mit ihm im Kinderwagen zur Lutter. Dort schaute er dem noch immer anwesenden Fischreiher zu, wie dieser viele kleine Fische fing. Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass die Lutter nur noch wenig Wasser mit sich führte. Daheim angekommen war auch sein älterer Bruder inzwischen von der Kita zurück und er wollte natürlich, als er hörte, da sei ein Fischreiher, auch unbedingt zur Lutter. Als wir dort ankamen, war der Fischreiher nicht mehr da, aber wir sahen, dass die ersten Fische Probleme mit dem niedrigen Wasserstand hatten. Ich fragte ihn, ob wir versuchen wollen, die Fische zu retten. Natürlich wollte er da unbedingt mitmachen.

Zurück daheim leerten wir einen Plastikkorb, in dem eigentlich der Papiermüll gesammelt wurde und zudem nahm ich noch einen Messbecher mit Henkel und meinen Rucksack mit, denn wir hatten noch eine zweite Aufgabe bekommen, nämlich Brot und Brötchen bei der Haltestulle zu kaufen. Auf dem Weg erklärte ich ihm mehrfach, dass wir die Fische nur so lange behalten können, wie die Lutter für sie nicht bewohnbar sei.
Gut bepackt liefen wir dorthin und natürlich wollte Sohnemann den beiden Personen hinter der Theke unbedingt erzählen, was wir vorhaben. Daraufhin gab es, nachdem die Verkäuferin mich gefragt hatte, zwei Kekse als Stärkung mit auf den Weg. Auf dem Weg zur Lutter trafen wir dann noch eine Streife aus Polizist und Ordnungsamtsmitarbeiter. Diesen fragte ich, ob wir die Tiere in der Lutter retten dürfen und wir bekamen nun auch noch das offizielle OK und die besten Wünsche für unsere Aktion.
An der Lutter angekommen fielen zuerst die ganzen kleinen Tiere auf, die auf dem Schlick zappelten, ich ging erst einmal von kleinen Fischen aus. Also blaue Kiste mit etwas Lutterwasser gefüllt und die Tiere vorsichtig eingesammelt. Danach ging es an die großen Fische, die teilweise mit mehr als der Hälfte ihres Körpers aus dem Wasser ragten. Der erste Fisch war ein Stichling und danach waren es mittelgroße Rotaugen die eingesammelt wurden. Auf dem Weg heim wurde mir bewusst, wie schwer sie eine Plastikkiste halbvoll mit Wasser mit der Zeit werden konnte. Zum Glück gab es aber ein paar Pausen. Am Anfang sprachen uns junge Männer an und zeigten uns dann noch ein Video von einem Flusskrebs, den sie gerade gesehen hatten und zum Ende hin traf ich sogar noch einen Kollegen, dem Sohnemann natürlich von unserer Aktion berichten und die Fische zeigen musste.
Wir schauen uns noch etwas die Fische an und aßen dann zu Abend. Nach der Einschlafbegleitung, die wegen der Aufregung und dem Vielen, was nun verarbeitet werden wollte, recht lang war, stellte ich die Kiste erstmal in die Badewanne, für den Fall, dass dort Blutegel sein könnten, erschien mir das am sichersten. Im Keller leerte ich eine große Ikeakiste aus, die vor allem breit aber nicht sehr hoch war, das größte provisorische Behältnis nach der Badewanne, das mir eingefallen war. Dank Google Bilderkennung fand ich dann auch schnell raus, dass die kleinen Tierchen weder Minifische noch Flusskrebsbabys waren, sondern es sich um adulte Flohkrebse handelte und so wurde auch schnell klar, was die Fische und anderen Bewohner jeweils zum Überleben benötigten.
Am Morgen wurde also bei den Fischen gefrühstückt und ihn zur Kita zu bekommen war ein recht großer Kampf. Noch schlimmer für ihn war aber, dass ich am nächsten Tag von der Arbeit kam und die Lutter wieder ganz normal Wasser hatte, daher musste nun überzeugt werden, dass die Fische zurück in die Lutter kommen. Nur die Fische war der Kompromiss, denn die Flohkrebse wollte er nicht auch noch hergeben an dem Tag.

Als wir an der Lutter angekommen waren, war da wieder der Fischreiher und natürlich gab es einen Protest, dass ich die Fische dort nicht aussetzen könnte, wo der Fischreiher gerade ist. Also ging es etwas weiter stromaufwärts und dort wurden sie alle wieder freigelassen. Die Einschlafbegleitung war wieder deutlich länger aber wie sehr ihn diese Aktion noch beschäftigen würde, war mir zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst. Auch jetzt noch, viele Wochen später ist die Fischrettung seine allerliebste „Geschichte“ die ich teilweise mehrfach am Tag erzählen muss. Natürlich meint er inzwischen, dass er es von Anfang an genau wusste, dass es Flohkrebse waren, aber so ist das eben, wenn Zeit vergeht und das kindliche Gehirn Geschichten verändert, weil es sich nicht mehr vorstellen kann, dieses Wissen mal nicht besessen zu haben.
Was feststeht, zum vierten Geburtstag wird es für ihn ein Aquarium geben, zumindest sofern er im Rahmen seiner kindlichen Möglichkeiten verantwortungsvoll mit unserer Flohkrebspopulation umgeht.