Warum KI den Anwalt nicht ersetzt aber die Beratung verändert
Ich war 17 Jahre lang Anwalt, davon rund 15 Jahre in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz im juristischen Alltag keine Rolle spielte. Vor 2024 kamen Mandanten manchmal mit „Google-Wissen“ ins Erstgespräch. Das war selten ein Problem, ließ es sich meist schnell einordnen, korrigieren oder relativieren.
Mit KI hat sich das verändert und das teilweise sehr deutlich. In meinen letzten beiden Jahren als Anwalt im IT-Recht kamen immer öfter Mandanten, die sich vorab mithilfe von KI „informiert“ hatten und dem Ergebnis teilweise sogar erst einmal genauso viel vertrauten wie meiner Expertise. Aus Neugier habe ich mir bei einigen die konkreten Fragestellungen angesehen, die sie vor unserem Gespräch in die KI eingegeben hatten. Und genau dort lag fast immer das eigentliche Problem.
Die Prompts waren häufig, unvollständig, emotional gefärbt, subjektive Eindrücke wurden als Fakten dargestellt und juristisch relevante Details fehlten oder wurden falsch gewichtet. Unter diesen Voraussetzungenkann eine KI keine korrekten juristischen Ergebnisse liefern. Selbst dann nicht, wenn sie technisch sehr leistungsfähig ist und Zugriff auf seriöse Rechtsquellen hat.
Hinzu kommt, dass gerade dort wo es sich nicht um ein Standardproblem handelt, die juristischen Ergebnisse von KI auch derzeit noch sehr fehleranfällig sind. Nicht aus „Dummheit“, sondern weil Recht Kontext, Gewichtung und Erfahrung braucht, Dinge, die eben nicht gepromptet werden können. Für mich ergibt sich daraus ein klarer Blick auf die Zukunft unseres Berufs.
Ich glaube nicht, dass beratende Juristen durch KI ersetzt werden. Ich glaube, dass sich unsere Aufgabe verändert.
Weniger: Recherche und Wiederholung von Standardwissen
Mehr: Dafür mehr Zeit für den Mandanten, saubere Kommunikation, strukturierte Aufbereitung des Sachverhalts und Filterung von subjektiven Wahrnehmungen in rechtlich relevante Tatsachen.
Am Ende steht dann oft „nur noch“ die fachliche Kontrolle. Aber genau diese Kontrolle setzt voraus, dass zuvor jemand zugehört, nachgefragt und verstanden hat. KI kann viel. Aber es wird Tätigkeiten geben, die nicht gänzlich durch KI ersetzt werden können, weil dort der menschliche Faktor konstitutiv ist.
Ob als Testamentsvollstrecker, Richter, Anwalt oder in der Seelsorge, in diesen exemplarischen Rollen geht es nicht nur um richtige Ergebnisse, sondern um Verantwortung, Vertrauen und persönliche Einordnung.
Recht ist mehr als Logik, es ist Beziehung und (Rechts-) Frieden und genau dort, wo Menschen Orientierung suchen, Entscheidungen mit Tragweite treffen oder spezielle Formen der Unterstützung brauchen, wird KI an ihre Grenzen stoßen.
Nicht weil sie zu wenig weiß, ganz im Gegenteil, sondern weil sie kein Gegenüber ist und nicht alles durch Wissen/Rechenleistung ersetzt werden kann.