Habe ich KI in der Kirche bisher falsch “verkauft“?
Ich komme aus der Wirtschaft und habe mein Geld unter anderem mit der Einführung von Kennzahlensystemen bei kriselnden Unternehmen verdient. Hier waren Effizienzsteigerung und Wettbewerbsfähigkeit Schlagworte, die Gewicht hatten. Oft liest man im Bereich der KI, dass die Effizienz um 30% gesteigert wird und das zieht, vor allem dann, wenn es mit Arbeitsplatzsicherheit verbunden wird. Aber eigentlich steht doch fast niemand morgens auf, um „Abläufe zu optimieren“. Meine Kollegen erscheinen vor allem bei der Arbeit, weil sie sich berufen fühlen. Die Motivation ist oftmals ganz anders als in der freien Wirtschaft und diesen Kulturunterschied merke ich seit den ersten Tagen, aber erst jetzt setze ich mich damit auseinander, was er ganz praktisch bedeutet.
Wenn wir mal die dünne, glänzende Schicht moderner Kirchentechnologie abkratzen, die aus Apps, Datenbanken und digitalen Kalender besteht, stoßen wir auf ein Fundament, das älter ist als jede Software und jedes Kennzahlensystem. Es ist das evangelische Ethos des Dienens. Kirche war nie zuerst Organisation, sondern Beziehung. Schon im biblischen Kernauftrag gilt eine klare Logik: Der Mensch ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Zweck selbst. Seelsorge beginnt dort, wo jemand gesehen wird.
Genau hier kollidiert die aktuelle KI-Debatte frontal mit der Realität kirchlicher Arbeit. Ich versuche, eine Technologie, die mit Wahrscheinlichkeiten rechnet und effizienzgetrieben arbeitet, in ein System einzuführen, das geistlich, biografisch und zutiefst individuell geprägt ist. Das ist kein technisches Problem, es ist ein theologisches Missverständnis. Wer KI in der Kirche einführen will, darf nicht primär über Effizienzsteigerung sprechen, er muss mehr die eigentliche Berufung in den Mittelpunkt stellen.
Haupt- und Ehrenamtliche in der Kirche werden selten durch Leistungskennzahlen motiviert, zumindest habe ich noch nicht von einem Bonisystem gehört, das so etwas fördern würde. Ihr Antrieb hat als Fundament der Wunsch, Menschen zu begleiten, Hoffnung zu stiften, Sinn zu eröffnen. Wenn daher kommuniziert wird, dass eine KI „die Dokumentationszeit um 30 Prozent reduziert“, hört der intrinsisch motivierte Seelsorger wahrscheinlich nicht die Botschaft „wir wollen dich entlasten“, vielmehr dürfte er Verwaltung(soptimierung) von oben verstehen. Mögliche Reaktion, eine Entfremdung. Er hört vielleicht sogar die Gefahr, dass das Gespräch am Küchentisch weniger zählt als der korrekt ausgefüllte Vermerk.
In der Kommunikation ist das Narrativ mitentscheidend. Die Integration von KI sollte nicht als notwendiges (weiteres) Modernisierungsprojekt dargestellt werden, sondern als eine Rückbesinnung auf den Kern kirchlichen Handelns. Ämter und Einrichtungen ersticken heute oft im Regelwerk, in Formularen, in Berichtslogiken, die geistliche Energie binden. Zeit, die eigentlich dem Gespräch, dem Gebet, der Begleitung gehören würde.
Eine generative KI, die Protokolle schreibt, Anträge vorbereitet oder Termine koordiniert, ist kein Gegner geistlicher Arbeit. Sie ist vielmehr der Freiraum, der entsteht, damit Seelsorgende mehr das tun können, wozu sie berufen wurden, also den Menschen in seiner Lebenslage wahrzunehmen, nicht nur seinen Vorgang im System.
Effizienzsteigerung bleibt ein Argument. Entscheidender ist jedoch, wem sie dient und wie sie im kirchlichen Alltag erlebt wird. Da ich aus der Wirtschaft komme, muss ich meine eigene Perspektive hier immer wieder hinterfragen. In der Kirche funktioniert Überzeugung anders: weniger über Kennzahlen, mehr über Vertrauen, Beteiligung und das gemeinsame Ringen um den richtigen Weg. KI kann dabei als unterstützendes Instrument der Nächstenliebe kommuniziert werden, ohne selbst zur Nächstenliebe fähig zu sein. Sie kann als Entlastung und Möglichkeit dienen, dem Kernauftrag wieder mehr folgen zu können. Ich denke am Ende entscheidet sich der Wert von KI an vielen Stellen innerhalb der Kirche nicht an internen Kennzahlen, sondern an der Frage, ob sie Beziehung ermöglicht oder behindert. Ob sie Nähe fördert oder Distanz verstärkt. Dort, wo sie hilft, Menschen schneller, verlässlicher und persönlicher zu begleiten, wird sie nicht als Technik wahrgenommen, sondern als das, was sie sein soll, ein durch den Menschen verantwortungsbewusst eingesetztes Werkzeug im Hintergrund.