Mansplaining

Meine Partnerin und ich haben beide Elternzeit genommen. Ich arbeite nach dem zweiten Kind bereits früher als sie in Teilzeit, sie steigt im kommenden Monat aber auch wieder als Richterin ins normale Berufsleben ein. Kurz vor ihrem Wiedereinstieg denke ich immer mal wieder über ein Wort nach: Mansplaining. Das Thema kommt immer mal wieder bei uns auf, nicht nur wenn wir beide uns unterhalten, sondern auch wenn Kolleginnen uns besuchen.

Ich glaube – oder zumindest hoffe –, dass ich es nicht oder nur sehr selten tue, und ganz sicher nicht bewusst. Aber bewusstes Fehlverhalten kann man sich abgewöhnen, weil man es sieht. Unbewusstes nicht so einfach. Meine Partnerin hat ein gesundes Selbstbewusstsein, um das mache ich mir wenig Sorgen.

Jedoch habe ich selbst miterlebt, wie ältere anwaltliche Kollegen sie früher behandelt haben, als sie noch relativ neu in dem Bereich war: teilweise außerordentlich belehrend, in manchen Fällen auch fachlich vollkommen daneben, aber trotzdem mit einer Überzeugung vorgetragen, die mich sprachlos gemacht hat. Manchmal wurde dabei ganz offen auf ihr Alter und ihr Geschlecht angespielt, als wäre das ein sachliches Argument. Diese Mischung aus maximaler Überzeugung und fraglicher fachlicher Grundlage ist für mich eigentlich der Kern der Sache, mehr noch als das bloße Erklären selbst. Solche Auswüchse begegnen einem auch in anderen beruflichen Kontexten, weshalb ich es teilweise für ein strukturelles Problem halte, das man als Außenstehender vermutlich leichter erkennt als von innen.

Eine Sache will ich aber differenzieren: Es waren nicht nur ältere männliche Kollegen. Das kam zwar deutlich seltener vor, aber auch ältere Anwältinnen sprachen mitunter ähnlich. Das bringt mich dazu, den Begriff Mansplaining selbst kritischer zu sehen: Er trifft den Kern oft, aber nicht immer. Was ich beobachtet habe, ähnelt eher einem Muster, bei dem jüngeren weiblichen Personen pauschal weniger Kompetenz zugesprochen wird. Bei jungen Richtern in vergleichbarer Position habe ich das in dieser Intensität nicht erlebt. Am Grundmuster ändert das nichts, überwiegend trifft es Frauen. Aber es zeigt, dass sich die Erklärung nicht allein am Geschlecht festmachen lässt, auch wenn es dort starke Tendenzen gibt.

Kein Einzelfall
Wie strukturell das Problem ist, zeigt eine viel zitierte Untersuchung zu mündlichen Verhandlungen am US Supreme Court: Richterinnen werden dort von männlichen Kollegen und Anwälten deutlich häufiger unterbrochen als ihre männlichen Kollegen, zeitweise bis zu dreimal so oft. Das sind Frauen in einer der höchsten Positionen, die ein Rechtssystem zu vergeben hat. Wenn selbst dort fachliche Autorität nicht reicht, um in Ruhe ausreden zu dürfen, ist es naiv zu glauben, es beträfe nur offensichtliche Fälle oder Kollegen mit erkennbar überholtem Rollenbild. Genau das macht es aus meiner Sicht zu einem strukturellen statt zu einem individuellen Problem: Es zieht sich durch alle Ebenen, von der höchsten Richterbank bis zum ganz normalen Berufsalltag, in den meine Partnerin gerade wieder einsteigt.

Wen es betrifft
Wenn ich an das Erlebte mit meiner Partnerin denke, aber auch an Kolleginnen und Freundinnen, geht es mir nicht um ein abstraktes Konzept, sondern um konkrete Situationen: junge Führungskräfte, die sich gerade erst ihre Position erarbeiten und denen genau in dieser Phase besonders selbstbewusst erklärt wird, wie sie ihren eigenen Job zu machen haben, notfalls auch von jemandem, der offensichtlich falsch liegt. Frauen, die wie meine Partnerin bald wieder in den Beruf einsteigen, treffen dabei nicht selten auf dieselben Kollegen, die dieses Muster schon vorher gepflegt haben.

Das lässt sich auch belegen. In Gruppenentscheidungen liegt der Sprechanteil von Frauen einer Auswertung zufolge meist bei unter 75 Prozent dessen, was ihre männlichen Kollegen an Redezeit bekommen, und der Rückstand wächst noch, je kleiner der Frauenanteil in der Runde ist. Hinzu kommt, dass Frauen in gemischten Gruppen häufiger unterbrochen werden, selbst in Bewerbungsgesprächen. Das summiert sich. Wer immer wieder erlebt, dass sein Wort weniger zählt, beteiligt sich irgendwann seltener, zieht sich zurück, wird vorsichtiger.

Was ich mir selbst mitnehme
Ein paar Fragen stelle ich mir seitdem öfter, wenn ich merke, dass ich gerade dabei bin, etwas zu erklären:

- Wurde ich das überhaupt gefragt, oder rede ich einfach drauflos, weil mir gerade etwas einfällt?
- Weiß ich wirklich, dass mein Gegenüber das noch nicht weiß, oder unterstelle ich das nur?
- Habe ich zu Ende zugehört, bevor ich angefangen habe zu reden?

Im Berufsalltag hilft mir am meisten, Rückfragen dem Erklären vorzuziehen. “Wie siehst du das?” ist ein kleiner Satz mit großer Wirkung, und wenn ich merke, dass ich in einer Runde viel rede, gebe ich das Wort bewusst weiter, statt es zu behalten, weil es sich gerade bequem anfühlt.

Für eine Organisation ist es wichtig, divers zu sein und somit von verschiedensten Hintergründen und Lösungswegen zu profitieren. Aber vor allem verdienen Frauen es, in ihrem Job ernst genommen zu werden, ohne dass ihnen jemand erklärt, wie ihr eigenes Fach funktioniert. Das ist am Ende der eigentliche Punkt, um den es mir geht, jenseits jeder Organisationslogik. Und das sagt bewusst jemand, der im privaten Kontext gerne mal mit dem Spitznamen “Erklärbär” tituliert wird.