Gesehen werden

In Organisationen wird Führung häufig als die Fähigkeit verstanden, gute Entscheidungen zu treffen. Gute Entscheidungen gelten dabei als solche, die möglichst viele relevante Faktoren berücksichtigen: Ziele, Ressourcen, Risiken und nicht zuletzt die Menschen, die von ihnen betroffen sind.

Doch diese Vorstellung greift zu kurz. Denn für die Wirkung von Führung ist oft nicht entscheidend, ob Menschen tatsächlich vollständig gesehen wurden. Entscheidend ist häufig, ob sie das Gefühl haben, gesehen worden zu sein. Diese Unterscheidung markiert eine Verschiebung vom objektiven zum subjektiven Kern von Führung.

Mitarbeiter haben meist keinen unmittelbaren Zugang zu den tatsächlichen inneren Prozessen der Führung. Sie können nicht wissen, ob ihre Bedürfnisse vollständig bedacht wurden, ob ihre Situation umfassend verstanden wurde oder ob ihre Perspektive im Entscheidungsprozess wirklich präsent war. Was sie jedoch erleben können, sind Anzeichen, Hinweis und diese werden dann gedeutet. 

Sie erleben Kommunikation.
Sie erleben Begründungen.
Sie erleben, ob ihre Existenz im organisationalen Geschehen erkennbar vorkommt.

Aus diesen Zeichen konstruieren sie ihr Gefühl, gesehen oder nicht gesehen zu werden. Damit entsteht eine folgenreiche Konsequenz. Für die psychologische Wirkung von Führung ist nicht die tatsächliche Berücksichtigung primär entscheidend, sondern ihre glaubhafte Erfahrbarkeit.

Das Erleben wird zur Realität, die Verhalten steuert. Wenn das Gefühl, gesehen zu werden, zentral ist, dann wird Kommunikation zum wichtigsten Instrument der Führung. Kommunikation verändert zwar nicht die Realität, aber sie hat großen Einfluss auf die erlebte Realität. Eine Entscheidung, die nicht optimal alle individuellen Bedürfnisse berücksichtigt, kann dennoch als fair und respektvoll erlebt werden, wenn sie nachvollziehbar begründet ist und erkennen lässt, dass Menschen als relevante Bezugspunkte existieren. Umgekehrt kann eine objektiv sorgfältige und faire Entscheidung als kalt und distanziert erlebt werden, wenn ihre Entstehung unsichtbar bleibt.

Menschen reagieren weniger auf Entscheidungslogiken, zumal sie diese meist nicht im Detail kennen, sondern auf wahrnehmbare Bedeutungen. Damit kann Kommunikation wichtiger sein als vollständige Berücksichtigung

Hier entsteht eine Einsicht, die irritierend sein mag aber es ist oft wirkungsvoller, eine Entscheidung so zu kommunizieren, dass Menschen sich gesehen fühlen, als tatsächlich jeden einzelnen Aspekt vollständig zu berücksichtigen. Das liegt nicht an Täuschung, sondern an einer strukturellen Grenze von Organisationen.

Organisationen können gar nicht jeden Menschen vollständig sehen. Sie müssen vereinfachen, abstrahieren und generalisieren, um handlungsfähig zu bleiben. Vollständige individuelle Berücksichtigung würde Entscheidungsfähigkeit blockieren. Kommunikation wird dadurch zu einem Mechanismus, der die unvermeidliche Abstraktion für Menschen erträglich macht. Sie stellt eine Brücke her zwischen der strukturellen Blindheit der Organisation und dem menschlichen Bedürfnis nach Wahrnehmung.

Das wirft natürlich auch ethische Fragen auf, denn mag eine solche Einsicht einen Gestaltungsspielraum eröffnen, so stellt sie eben auch - zumindest unter ethischen Gesichtspunkten - ein Risiko dar. Denn wenn das Gefühl, gesehen zu werden, wichtiger ist als das tatsächliche Gesehenwerden, entsteht die Möglichkeit, Wahrnehmung zu gestalten, ohne die zugrunde liegende Realität vollständig zu verändern. Führung kann somit entweder zu einem Instrument der Verbindung oder zu einem Instrument der Simulation werden.

Ethisch verantwortliche Führung sollte Kommunikation nicht nutzen, um Wahrnehmung zu manipulieren, sondern um reale Wahrnehmungsprozesse sichtbar zu machen. Sie erkennt an, dass vollständiges Sehen unmöglich ist, bemüht sich jedoch um authentische Bezugnahme. Unethische Führung hingegen nutzt Kommunikation, um Wahrnehmung zu erzeugen, ohne tatsächliche Wahrnehmung zu praktizieren. Mutwillige Täuschung hat zum Glück aber auch ihre Grenzen, denn Menschen können zumindest über längere Zeiträume hinweg spüren, ob Kommunikation Ausdruck realer Wahrnehmung ist oder lediglich ihre Simulation.

Führung bedeutet daher nicht nur, Entscheidungen zu treffen, sondern Wirklichkeit erfahrbar zu machen. Organisationale Wirklichkeit existiert für Menschen nicht in ihrer objektiven Gesamtheit, sondern in der Form, in der sie kommuniziert und erlebbar wird. Das Gefühl, gesehen zu werden, entsteht nicht automatisch aus guten Entscheidungen. Es entsteht aus der erfahrbaren Beziehung zwischen Organisation und Individuum.

Mitarbeiter erwarten nicht, dass jede Entscheidung zu ihren Gunsten ausfällt. Sie erwarten auch nicht, dass ihre individuelle Situation immer ausschlaggebend ist. In der Regel wissen sie bereits sehr gut, ob und wie sehr ihre Organisation einer Reform bedarf und meist auch, dass dies mit Einschnitten verbunden sein könnte. Was sie daher brauchen, ist etwas Grundlegenderes, nämlich die Erfahrung, dass ihre Existenz im Wahrnehmungshorizont der Organisation vorkommt. Das Gefühl, gesehen zu werden, ist daher keine oberflächliche emotionale Komfortzone, oft wird es gerade von jenen erwünscht, die sich stark mit der jeweiligen Organisation assoziieren. Wer sich zu einer Organisation zugehörig fühlt, vielleicht sogar für sie brennt, der will ein Teil von ihr sein und Zughörigkeit entsteht oft dadurch, dass man sich gesehen fühlt. 

Menschen wägen auf Basis dessen ab, was sie erleben, nicht auf Basis dessen, was objektiv vollständig bedacht wurde. Das macht die richtige Kommunikation auch so wichtig. Führung bedeutet eben nicht nur, Mitarbeiter zu sehen und der Verantwortung für diese Menschen gerecht zu werden, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen sich gesehen fühlen können. 

Führung gestaltet nicht nur Entscheidungen. Sie gestaltet Wahrnehmung. Und damit die Realität, in der Organisationen für Menschen existieren.