Bin ich benachteiligt oder privilegiert, Fragen eines Betroffenen

Ich setze mich schon viele Jahre für die Chancengleichheit ein, insbesondere von Kindern. In Debatten über Chancengleichheit und Inklusion greifen wir alle gerne auf klare Kategorien zurück: Arbeiterkind. Armut, Waise, Mensch mit Behinderung. Migrationshintergrund. Diese Begriffe haben Aufgaben, sie schaffen Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Aber sie haben auch eine Schwäche: Sie suggerieren eine Eindeutigkeit, die es im echten Leben oft nicht gibt.

Ich erfülle auf dem Papier gleich mehrere dieser Kriterien. Ich habe eine anerkannte Behinderung, ich bin faktisch ein Arbeiterkind, und ich habe einen Migrationshintergrund. Trotzdem habe ich mich in meinem Leben selten grundsätzlich benachteiligt gefühlt, eher im Gegenteil. Liebevolle Eltern, nie Hunger, keine Existenzängste gleich welcher Art, Frieden, Wohlstand und doch würde ich auf einer Liste als strukturell benachteiligt gelten können. Behinderung, Arbeiterkind, Migrationshintergrund sind ein starkes/hartes Lable in diese Richtung und genau das bringt mich zu einer vielleicht unbequemen, aber notwendigen Frage: Reichen diese Schlagwörter wirklich aus, um Benachteiligung zu verstehen?

Nehmen wir das „Arbeiterkind“. Ja, ich komme aus einem nicht-akademischen Elternhaus. Gleichzeitig hat mein Vater eine Ingenieursschule besucht, die später zur Fachhochschule wurde, formell hat er aber damit eben keinen akademischen Abschluss, meine Mutter nun sie war immer Hausfrau und hat ihm den Rücken gestärkt, ein tolles Team, auch wenn es heute nicht mehr zeitgemäß wäre. Er hat Karriere gemacht und hat es geschafft mit seinem Abschluss als ITler einer sehr frühen Generation über den Status Fachkraft hinaus zu einer echten Führungskraft zu werden. Geldsorgen, die gab es zumindest als ich auf der Welt war nicht mehr, Tennis, Golf, USA Aufenthalte, sorgenfreies studieren, alles war mir möglich. Hätte mein Vater die Möglichkeit der Umschreibung seines Abschlusses auf einen FH Abschluss genutzt, denn die gab es, wäre ich ein Akademikerkind, obwohl sich an meiner tatsächlichen sozialen Herkunft nichts geändert hätte. Das zeigt, wie unscharf solche Kategorien sein können.

Oder meine Behinderung, die seit meinem dritten Lebensjahr Einfluss auf mein Leben hat. Sie hat dazu geführt, dass ich bestimmte Berufe nie ergreifen konnte, dass ich eine Ausbildung abbrechen musste, dass mir Wege verschlossen waren, bevor ich sie überhaupt ausprobieren konnte. Rein rechtlich zählt beim Grad der Behinderung aber nicht, welche Berufe man nicht ausüben kann, weil der GdB ausschließlich die gesundheitliche Beeinträchtigung unabhängig von Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildung bewertet und berufliche Folgen in anderen sozialrechtlichen Verfahren geprüft werden. Und trotzdem liegt der anerkannte Grad der Behinderung unterhalb der 50 Prozent. Wer nur diese Zahl sieht, unterschätzt schnell die realen Auswirkungen. Hier ist die Benachteiligung in meinen Augen deutlich größer, als es das Etikett vermuten lässt.

Und dann der Migrationshintergrund. Meine Mutter ist mit 18 Jahren aus den Niederlanden nach Deutschland gezogen. Kulturell war der Unterschied überschaubar, sprachlich aber dennoch für sie spürbar. Auch wenn Deutsch und Niederländisch verwandt sind, Nicht-Muttersprachler zu sein, macht einen Unterschied. Gleichzeitig wäre es überzogen zu behaupten, dass ich dadurch massive strukturelle Nachteile erfahren hätte. Hier war die Benachteiligung, wenn man sie so nennen will, eher gering.

Benachteiligung ist kein binäres System. Sie lässt sich nicht sauber abhaken oder addieren. Drei „Merkmale“ ergeben nicht automatisch dreifache Benachteiligung und ein einzelnes Merkmal sagt oft wenig darüber aus, wie stark die tatsächlichen Auswirkungen im Leben eines Menschen sind.

Gerade deshalb halte ich es für so wichtig, genauer hinzuschauen. Maßnahmen und Programme haben hier natürlich ein Problem, dass die Gewichtung anhand von Kategorien deutlich leichter ist, als eben durch ganz individuelle Betrachtungen. Es geht mir nicht darum, Erfahrungen gegeneinander aufzurechnen oder Kategorien infrage zu stellen. Es geht darum, sie nicht zu verabsolutieren. Inklusion und Chancengleichheit gelingen nicht durch Schlagworte allein, sondern durch Kontext und die Bereitschaft, individuelle Lebenswege ernst zu nehmen, insbesondere dann, wenn sie nicht sauber in ein vorgegebenes Raster passen.

Der nächste Schritt bei der Inklusion wäre für mich weg von der reinen Etikettierung, hin zu einem Verstehen von Benachteiligung in all ihrer Unterschiedlichkeit.