Was mich mein Sohn über Führung gelehrt hat
Oder: Führung ohne Legitimation gerät schnell ins Wanken, im Kleinen wie im Großen.
Diese Erkenntnis kommt nicht aus einem Seminar, sondern aus dem Alltag mit meinem vierjährigen Sohn. Denn dort zeigt sich Führung in ihrer elementarsten Form, unmittelbar, ungefiltert und frei von formalen Strukturen.
Kinder akzeptieren nach meiner Beobachtung keine Autorität um ihrer selbst willen. Sie folgen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr, weil jemand entscheidet, sondern weil sie verstehen, vertrauen oder sich ernst genommen fühlen. Genau darin liegt der Kern wirksamer Führung. Sie braucht im Großen wie im Kleinen mehr als Zuständigkeit, sie braucht Nachvollziehbarkeit.
Je häufiger ich meinem Sohn Regeln erläutere, desto mehr merke ich selbst, dass seine Akzeptanz nicht durch Position, sondern durch sein Verständnis entsteht.
Ein Beispiel ist ein kleines Ökosystem, das wir gemeinsam pflegen. Wir haben Fische aus der Lutter, einem kleinen Bach in der Nähe, gerettet. Als Beifang waren dabei auch Flussflohkrebse. Zunächst wurden alle Tiere in einem provisorischen Behältnis untergebracht. Die Fische haben wir später wieder in die Lutter zurückgebracht, die Flussflohkrebse sind jedoch seither bei uns.
Aus diesem provisorischen Zwischenzustand wurde schnell eine neue Situation. Also habe ich mein altes, über Jahre genutztes Glasbiotop umgebaut und Wasser, Kieselsteine, Sand sowie einige Blätter hinzugefügt. Daraus wurde ein kleines Aquarium, in dem nun ein Teil der Flussflohkrebse lebt.
Das Problem begann danach. Es gab plötzlich zwei Orte, das ursprüngliche provisorische Behältnis, in dem noch Tiere waren, und das neue Aquarium, in dem bereits andere lebten.
Mein Sohn wollte immer wieder Tiere aus dem provisorischen Behälter in das neue Aquarium umsetzen. Die genaue Intention dahinter ist schwer zu sagen. Ich glaube nicht, dass es ihm primär um eine bessere Haltung der Tiere ging, denn das provisorische Behältnis ist größer als das neue. Vielleicht erschien es ihm als besser, weil es hübscher und übersichtlicher ist. Vor allem aber ist es deutlich näher an seinem Alltag, denn das neue Aquarium steht in der Küche, also dort, wo wir frühstücken und Abendessen machen und manchmal auch basteln. Die Tiere sind dadurch viel präsenter und jederzeit beobachtbar.
Ich habe ihm erklärt, dass das ständige Umsetzen Stress für die Tiere bedeutet und sie sich dabei im schlimmsten Fall verletzen können und wir ja nun die Verantwortung für ihr Wohlergehen haben. Ich erklärte ihm, dass sich Tiere genauso wie er an ihre Umgebung gewöhnen und ein Versetzen ohne wichtigen Grund für mich nicht akzeptabel sei.
Beim ersten Mal war das nicht genug. Der Impuls, etwas umzusetzen und zu verändern, war stärker als das Verständnis. Aber ich habe es immer wieder erklärt. Mit der Zeit entstand die nötige Akzeptanz, nicht durch Durchsetzung, sondern durch Einsicht. Heute akzeptiert er die Regel meistens, auch wenn der Wunsch, Dinge umzubauen und neu zu ordnen, weiterhin da ist.
Ein zweites Beispiel zeigt eine andere Dimension von Führung, die Konsistenz. Mein Sohn liebt es, Tiere zu beobachten und zu retten, Marienkäfer, Kellerasseln, Tausendfüßler. Dabei habe ich ihm beigebracht, dass wir kleine Tiere nicht direkt mit den Händen greifen, weil sie verletzt werden können. Stattdessen nutzen wir ein Blatt, auf das das Tier von selbst krabbelt. Erst dann können wir es sicher transportieren.
Diese Regel wird meist befolgt, auch wenn der Impuls zum direkten Anfassen groß ist. Sie funktioniert, weil er den Sinn dahinter verstanden hat. Gleichzeitig tauchte eine kritische Frage auf. Warum gelten draußen andere Regeln als drinnen.
In der Wohnung töte ich manchmal Stechmücken oder Motten, das passt für die kindliche Perspektive nicht zu der von mir aufgestellten Regel. Als wir eine Motte im Freien sahen und mein Sohn sie mir zeigte, musste ich erklären, drinnen schützen wir uns vor Schaden, draußen ist es ihr Lebensraum.
Hier wurde mir etwas Entscheidendes klar. Führung wird nicht nur an Regeln gemessen, sondern an ihrer Konsistenz im Kontext. Widersprüche erzeugen nicht Ungehorsam aus Trotz, sondern aus dem Bedürfnis nach Orientierung.
Es ist erstaunlich, wie genau ein Kind solche Unterschiede wahrnimmt. Und wie sehr man selbst dadurch gezwungen wird, das eigene Handeln zu reflektieren.
Hier entsteht für mich die Brücke zur Führung in Organisationen.
Kultur entsteht nicht durch Anweisung, sondern durch gelebte Praxis. Wenn ich möchte, dass Menschen ein bestimmtes Verhalten zeigen, muss ich es selbst vorleben. Regeln wirken nicht durch ihre Existenz, sondern durch ihre Nachvollziehbarkeit und Konsequenz.
Konflikte sind dabei kein Störfaktor, sondern ein Prüfmechanismus. Widerstand hat fast immer einen Grund, und wer ihn ignoriert, verstärkt ihn.
Ein weiterer Prüfstein ist Verlässlichkeit. Kinder und auch Teams achten sehr genau darauf, ob Worte und Handeln übereinstimmen. Wer heute so und morgen anders entscheidet, verliert Glaubwürdigkeit. Führung braucht deshalb Konsistenz, nicht als Starrheit, sondern als verlässlichen Rahmen.
Daher hinterfrage ich mich sowohl im Kleinen wie auch im Großen. Reicht meine formale Rolle oder trage ich meine Führung auch inhaltlich und nachvollziehbar.