KI in der Vorbereitung von Gottesdiensten – Fluch oder Segen?
Künstliche Intelligenz hat längst Einzug in viele Bereiche unseres Alltags gehalten, auch dort, wo man sie vielleicht nicht sofort vermuten würde, zum Beispiel in der Vorbereitung von Gottesdiensten. Predigtentwürfe, Gebete, Liedvorschläge oder thematische Impulse lassen sich heute in Sekundenschnelle generieren. Das weckt Hoffnung, aber auch Skepsis. Denn so hilfreich KI sein kann, sie wirft zugleich grundlegende Fragen nach Authentizität, Verantwortung und geistlicher Tiefe auf.
Auf der einen Seite steht der Segen. KI kann entlasten. Gerade Pfarrerinnen und Pfarrer, Prädikant:innen oder ehrenamtlich Engagierte stehen oft unter hohem Zeitdruck und die Zusammenlegung von Gemeinden verschärft dies mitunter nochmals erheblich. Mehrere Gottesdienste, Kasualien, Sitzungen, Seelsorge, weitere Fahrten, die Woche ist voll. KI kann hier Strukturvorschläge liefern, helfen beim Einstieg in einen Predigttext oder als Impuls für einen Gemeindebrief und erinnert an exegetische Hintergründe oder bietet alternative Perspektiven. Sie soll nicht als Ersatz für eigene Theologie sein, sondern ein Werkzeug, das Denkprozesse anstößt und Horizonte erweitert. Die Letztentscheidung obliegt dem Menschen, das ist ein wichtiger Punkt beim Einsatz von KI im kirchlichen Kontext und insbesondere bei der theologischen Arbeit.
Selbstverständlich kann KI neue Zugänge eröffnen. Wer feststeckt, wer immer wieder ähnliche Formulierungen verwendet oder wer Angst vor dem leeren Blatt hat, kann durch KI Impulse gewinnen. Gerade in der Arbeit mit neuen Zielgruppen oder in experimentellen Gottesdienstformen kann das hilfreich sein. In diesem Sinne kann KI menschliche Kreativität freisetzen aber nicht, indem sie das Denken übernimmt, sondern indem sie diese unterstützt.
Doch genau hier beginnt auch der Fluch. Denn Gottesdienste leben von persönlicher Haltung, von gelebtem Glauben, von Erfahrungen, Zweifeln und Hoffnungen konkreter Menschen. Eine Predigt ist mehr als ein gut gebauter Text. Sie ist Zeugnis. Wenn KI Texte produziert, die zwar sprachlich glatt, theologisch korrekt und rhetorisch ansprechend sind, besteht die Gefahr, dass sie innerlich leer bleiben. Was passiert, wenn Worte gesagt werden, die nicht durchdacht oder sogar durchlitten sind? Die Predigten, die mich wirklich gepackt haben, waren fast immer persönlich. Sie hatten einen erkennbaren Bezug zu der Person, die predigt, zu ihrem Glauben, ihren Zweifeln, ihren Erfahrungen. Oft gab es auch einen klaren örtlichen Bezug eben zu aktuellen Sorgen in der Gemeinde, zu Konflikten, zu freudigen Ereignissen, zu dem, was die Menschen gerade wirklich beschäftigt. Genau darin liegt die Kraft der Predigt, dass sie nicht abstrakt bleibt, sondern mitten ins Leben spricht, wie dies eine KI bewerkstelligen soll ist eine Frage die ich für mich bisher als ungelöst ansehen muss. Die KI weiß nichts von der Stimmung wenn ein großes Unternehmen am Ort schließt oder von der Unsicherheit angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen, von der Trauer um ein bekanntes Gemeindemitglied oder von der Freude über neues Leben in der Gemeinde. Sie kennt Orte nur als Namen, nicht als lebendige Räume. Was sie produziert, ist zwangsläufig allgemeiner, glatter, austauschbarer.
Hinzu kommt die Frage der Verantwortung. KI greift auf riesige Datenmengen zurück, reproduziert Mehrheitsmeinungen und tradierte Deutungen. Prophetische Brüche, persönliche Zuspitzungen oder kontextuelle Sensibilität entstehen nicht automatisch. Wer KI unreflektiert nutzt, läuft Gefahr, Theologie zu delegieren und damit auch die eigene geistliche Verantwortung abzugeben und sich damit rein aus der Vergangenheit zu bedienen und sich somit auch ein großes Stück von der Zukunft abzuwenden. Die Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten, mit dem, was häufig vorkommt und Quantität schlägt damit oft die Qualität. Genau das steht für mich in einem Spannungsverhältnis zur evangelischen Predigtkultur.
Gerade in der evangelischen Kirche leben wir von Vielfalt. Lutherisch, reformiert, uniert, pietistisch, liberal, evangelikal, selbst wenn man diese Unterschiede nicht immer „Glaubensbekenntnisse“ nennt, prägen sie doch Theologie, Sprache und Frömmigkeit ganz erheblich. Predigten klingen unterschiedlich, weil sie aus unterschiedlichen theologischen Traditionen kommen, weil sie unterschiedliche Akzente setzen, sei es Gesetz und Evangelium, Freiheit des Gewissens, persönliche Bekehrung, gesellschaftliche Verantwortung oder geistliche Übung. Eine KI, die sich aus tausenden vorhandenen Predigten speist, nivelliert diese Unterschiede eher, als dass sie sie schärft.
KI ist also weder Heilsbringer noch Untergang der Gottesdienstkultur. Sie kann ein wertvolles Werkzeug werden. Sie kann helfen, Gedanken zu ordnen oder Impulse zu liefern. Doch wo sie beginnt, Vielfalt zu vereinheitlichen und persönliche Verantwortung zu ersetzen, verliert die Predigt das, was sie lebendig macht, das konkrete Zeugnis eines glaubenden Menschen vor anderen glaubenden und suchenden Menschen. Zwischen Inspiration und Abkürzung, zwischen Unterstützung und Ersatz verläuft eine feine Linie. Diese Linie bewusst wahrzunehmen und immer wieder neu auszuhandeln, gehört wohl zu den geistlichen Herausforderungen unserer Zeit.