Haltung

Ein Wort, dem in den letzten 2 Jahren eine wahrhaft inflationäre Nutzung zuteil geworden ist, ist „Haltung“. Genutzt wird es nicht mehr in Extremsituationen oder unter Druck, sondern als Reaktion auf Dinge wie LinkedIn-Posts oder Projekte im zivilgesellschaftlichen Kontext. Ob dies an der KI liegt, welche dieses Wort nur allzu gern nutzt oder ein anderer gesellschaftlicher Mechanismus dahintersteckt kann ich nicht sagen, dass es inzwischen jedoch inflationär gebraucht wird, das schon. Wo es für mich sehr offensichtlich wurde, das sind mehrere private Reaktionen auf ein kleines Tool, das sich Demokratie-Check für Organisationen nennt. Ein Instrument, mit dem sich Satzungen und Strukturen daraufhin überprüfen lassen, ob sie antidemokratische, diskriminierende oder exkludierende Personen und Organisationen aus den eigenen Reihen und Projekten fernhalten. Die Rückmeldungen waren positiv und auffällig oft fiel dabei ein Begriff: Haltung

Ein Lob, das für mich nicht passt. Ich verstehe die Intention dahinter, aber für mich trifft es nicht den Kern dessen, was ich als Haltung verstehe. Denn das, was ich hier gemacht habe, ist für mich keine Haltung. Es ist Engagement in einem sicheren Umfeld ohne Druck oder Gefahr. Ich bewege mich dabei in einem sicheren Rahmen. Mein privates und berufliches Umfeld teilt diese Werte. Ich riskiere nichts, was über ein bisschen Widerspruch hinausgeht.

Wo Haltung für mich überhaupt anfängt
Mein Duden definiert Haltung als „jede stabile Überzeugung“ und als Jurist stellt sich mir da die Frage, wie ist „stabil“ zu verstehen? Etwas, das jemand schon sehr lange Zeit aufweist oder, etwas das er auch unter hohem Druck behält? Für mich kann sich Haltung binnen Sekunden entwickeln, aber sie beginnt frühestens dort, wo sie überhaupt spürbare Konsequenzen haben kann. Meine Auslegung von stabil ist klar auf den Punkt Druck und nicht Zeit bezogen. 

In meinem Leben gab es mehrere Situationen, in denen ich mich an genau dieser Schwelle bewegt habe. Situationen, in denen klar war: Wenn ich mich jetzt so verhalte, wie ich es für richtig halte, könnte das negative Folgen haben.

In fast allen dieser Fälle ist am Ende nichts passiert. Es blieb beim Risiko, nicht bei der Konsequenz. Nur in einem einzigen Fall ist diese Konsequenz tatsächlich eingetreten. Ich habe einen sehr gut dotierten und sehr spannenden Job nicht bekommen, weil ich mich so verhalten habe, wie ich es für richtig hielt. Das ist der einzige Moment, in dem meine Haltung, wenn man sie so nennen will, messbare Folgen hatte. 

Aber selbst hier bleibt für mich die Frage offen: Ist das schon Haltung? Oder ist das noch unterhalb der untersten Schwelle davon, also ein Bereich, in dem man höchstens anfängt, sich dieser Frage überhaupt zu nähern? Denn ich habe keine finanziellen Sorgen oder gar Nöte deswegen, ich habe lediglich nicht ganz so viel wie ich sonst wohl gehabt hätte. Denn gleichzeitig gab es andere Situationen, die sich innerlich deutlich konfliktreicher angefühlt haben, in denen ich mehr Standfestigkeit gebraucht habe, mehr Abwägung und auch richtige Überwindung, da ich die Risiken kannte. Nur hatten diese wenigen Situationen in meinem Leben, glücklicherweise ohne Realisation des potenziellen Risikos. 

Und genau das macht es schwierig. Ist Haltung das, was sich riskant anfühlt? Oder das, was tatsächlich etwas kostet? Ich persönlich tendiere dazu zu sagen, Haltung beginnt dort, wo ich wirklich ein relevantes Risiko eingehe. 

Aber ich muss gar nicht weit entfernt suchen, wenn ich ein ganz klares Beispiel haben will. Ich muss nur auf meine Familiengeschichte schauen.

Mein Großvater war Richter während des Nationalsozialismus. Er hat sich geweigert, im Sinne des Regimes Recht zu sprechen, insbesondere dort, wo es um Todesurteile oder politisch motivierte Urteile ging. Das war keine abstrakte Position. Das war eine Entscheidung mit absehbaren Konsequenzen. Er verlor sein Amt und wurde zur Wehrmacht eingezogen. Als es dann an die Front ging, entfernte er sich sehr schnell von seiner Truppe auf der Suche nach den Alliierten, um sich zu ergeben. Und er wusste genau, was das bedeutete, war er doch beauftragt worden Standgerichte zu halten. Er wusste, dass er auf diesem Weg genauso gut auf Feldjäger oder SS-Einheiten hätte treffen können, zu dem Zeitpunkt mit der realen Möglichkeit einer sofortigen Erschießung, ganz ohne Scheinprozess. Dieses Risiko war konkret und es war schwerwiegender als alle Risiken, denen ich mich bisher stellen musst. Er hat es trotzdem getan.

Die tatsächliche Folge war eine jahrelange Kriegsgefangenschaft, auch deshalb so lange, weil er als Englisch sprechender Übersetzer eingesetzt wurde und damit zu den Letzten gehörte, die entlassen wurden.

Vor diesem familiären Hintergrund wirkt vieles von dem, was heute als Haltung bezeichnet wird, auf mich erstaunlich leicht. Wenn ein LinkedIn-Post Applaus bekommt, wenn ein Projekt auf Zustimmung stößt, wenn man sich in einem Umfeld bewegt, das ohnehin ähnlich denkt, dann ist das gut. Aber es ist nicht riskant. Und ohne echtes Risiko wird Haltung zu einem sehr bequemen Begriff.

Dann wird sie zu:

  • ein Signal statt eines Risikos,
  • ein Schulterklopfen statt eines Preises,
  • Zustimmung statt Standfestigkeit.

Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Überzeugung und Haltung, Engagement und Risiko, möglichem Risiko und tatsächlichen Konsequenzen. Mein Demokratie-Check ist Ausdruck von Überzeugung. Und ich halte ihn für sinnvoll. Aber Haltung? Die beginnt für mich irgendwo dort, wo es nicht mehr folgenlos ist, oder zumindest real nicht folgenlos sein könnte.

Vielleicht sollten wir sparsamer mit dem Begriff umgehen, vielleicht sollte ich mich einem möglichen geänderten Zeitgeist anpassen und für das, was ich als Haltung verstehe ein anderes Wort nutzen. Nicht alles, was richtig ist, ist mutig. Nicht alles, was Zustimmung bekommt, weil es den moralischen und ethischen Grundsätzen entspricht, welche noch von der Mehrheit der Gesellschaft geteilt werden, ist Haltung. 

Haltung? Die beginnt für mich dort, wo etwas auf dem Spiel steht und die Person sich dieser möglichen Konsequenz bewusst ist. Ohne etwas Angst und die Überwindung dieser wäre es für mich schwer von Haltung zu sprechen und daher bin ich sehr froh in meinem Leben bisher diese Situationen an beiden Händen abzählen zu können und hoffe ehrlich gesagt auch darauf, dass es nicht mehr werden. Aber wenn es sein muss, dann hoffe ich, werde ich den Mut haben die nötige Haltung zu zeigen. 

Vielleicht gibt es nicht die eine richtige Definition von Haltung. Meine ist nun (hoffentlich) klar. Andere werden sagen, dass Haltung sich schon dort zeigt, wo jemand bewusst für Werte einsteht, ganz unabhängig vom Risiko. Beides ist vertretbar. Am Ende des Tages wäre es für alle ehrlichen, herzlichen, treuen und zugewandten Menschen wohl gut, wenn sie nicht nur über Haltung sprechen und schreiben, sondern sie zeigen und zugegeben, vielleicht ist meine persönliche Definition auch passender für den Begriff “Haltung zeigen”.