Empowerment beginnt auf dem Spielplatz

Der Puppenwagen steht auf zwei Rädern, kurz vor dem Umkippen. Mein Sohn lenkt ihn mit Vollgas um die Bank, eine Puppe fliegt beim Fahrerwechsel raus, er lacht, hebt sie auf, fährt weiter. Zwei Bänke weiter sitzen zwei Mädchen im selben Alter, ganz vertieft, und verhandeln gerade leise, wer in ihrer Krankenhausgeschichte heute welche Rolle übernimmt.

Ich habe zwei Söhne, deshalb erfahre ich die erste Szene täglich. Die zweite kenne ich aus unzähligen Nachmittagen auf Spielplätzen und von Treffen mit anderen Eltern. Als Teilzeitkraft verbringe ich automatisch viel Zeit in der Umgebung von Kindern und beobachte, wie Mädchen und Jungen miteinander interagieren. Die Ärztin-Patient-Szene ist dabei kein einzelnes Erlebnis, sondern ist mir in ganz ähnlichen Formen immer wieder begegnet.

Eine kurze Einordnung vorweg. Ich bin kein Entwicklungspsychologe, sondern Vater, der viel Zeit auf Spielplätzen verbringt und gerne Muster sucht. Der Kern dessen, was folgt, ist eigene Beobachtung, mit allen Ausnahmen und Grautönen, die dazugehören. Wo die Forschung nach meinem Wissensstand dieselbe Richtung stützt, sage ich das; wo ich nur eine Vermutung habe, sage ich auch das.

Niemand hat den beiden Szenen etwas vorgegeben. Bei uns zuhause gibt es Autos, Bausteine, Puppen, einen Puppenwagen – für alle Kinder, ohne Etikett. Und trotzdem entstehen, ganz von allein, zwei völlig unterschiedliche Arten, sich die Welt zu erschließen.

Meine Frau und ich leben Familie partnerschaftlich. Ich habe Elternzeit genommen und arbeite bis heute in Teilzeit, damit wir uns die Betreuung unserer beiden Söhne teilen. Und ja, ganz ehrlich: Manchmal beneide ich die Eltern von Mädchen ein bisschen. Wenn meine Jungs ihre wilden Phasen haben, ist das oft laut, körperlich, manchmal grob – aber selten böse gemeint. Bei den Mädchen, die ich beobachte, wirkt der Umgang miteinander häufig ruhiger, weniger konfrontativ. Auch das: eine Beobachtung, kein Urteil. Es gibt die lauten, wilden Mädchen genauso wie die zurückhaltenden Jungs, ich war selbst als Kind sehr zurückhaltend und ruhig.

Wir erziehen unsere Jungs zu hoffentlich guten Männern, dennoch gibt es Fragen die weit über die elterliche Erziehung hinausgehen: Wo entstehen eigentlich die ungeschriebenen Spielregeln für Sichtbarkeit und Selbstvertrauen und was bedeutet das für Empowerment?

Zwei Strategien, derselben Herausforderung zu begegnen
Wenn wir über Empowerment sprechen, denken wir meist an Karriere, Führung, den Weg in Vorstände und Geschäftsleitungen. Ich glaube, viele der entscheidenden Weichen werden weit vor dem Berufseinstieg gestellt.

Was mir auf dem Spielplatz am meisten auffällt, ist nicht das Spielzeug selbst, sondern der Umgang mit Herausforderungen. Mir fällt in meinem Alltag häufiger auf: Jungen probieren häufiger einfach aus. Sie scheitern, stehen auf, versuchen es erneut. Bei Mädchen beobachte ich öfter, dass sie zunächst genauer analysieren. Sie beobachten, wägen ab, überlegen, ob sie sich etwas zutrauen, bevor sie loslegen.

Die spannendere Frage als "angeboren oder anerzogen" ist für mich ohnehin eine andere, nämlich was lernen Kinder aus diesen beiden Strategien?

Nicht die Kinder verändern sich – wir reagieren auf sie
Entscheidend ist dabei gar nicht, was die Kinder tun. Entscheidend ist, wie wir Erwachsenen darauf reagieren.

Die Aufmerksamkeit im Raum richtet sich fast automatisch auf das Kind, das gerade etwas ausprobiert, laut wird oder Grenzen austestet. Wer laut ist, wird häufiger wahrgenommen. Wer sich etwas traut, bekommt Aufmerksamkeit. Wer Raum einnimmt, erlebt, dass dieser Raum ihm auch gehört und zwar nicht da er sich das erarbeitet hätte, sondern weil wir, die Erwachsenen um ihn herum, genau dieses Verhalten mit Blicken, Zeit und Reaktion belohnen. Sichtbarkeit wird, ganz unbewusst, von uns verstärkt.

Das ist keine reine Vermutung. Die Forschung zum Feedbackverhalten von Lehrkräften beschreibt ein ähnliches Muster, Jungen bekommen im Schnitt mehr Rückmeldung zu Leistung und Aufgabe, Mädchen häufiger zu Sorgfalt und Sozialverhalten. Das deckt sich mit dem, was ich auf dem Spielplatz beobachte.

Vielleicht lernen viele Jungen deshalb früh eine Regel, die ihnen später im Berufsleben hilft: Ich darf mich zeigen, auch wenn ich noch nicht sicher bin, ob ich erfolgreich sein werde.

Viele Mädchen machen andere Erfahrungen. Sie werden für Rücksichtnahme, Sorgfalt und Umsicht gelobt, auch das eine Reaktion von uns Erwachsenen, keine Eigenschaft, die sich von selbst durchsetzt. Nur führt dieses Lob eben seltener dazu, sichtbar zu werden.

Und genau hier beginnt für mich eigentlich das Empowerment, nicht bei den Kindern, sondern bei den Spielregeln, nach denen wir auf sie reagieren.

Dieselben Spielregeln, Jahre später im Berufsleben
Mir fällt in meinem eigenen Berufsalltag auf: Wer Projekterfolge aktiv kommuniziert, oder sogar Misserfolge geschickt als "wichtige Lernerfahrung" oder "mutigen Schritt" positioniert, wird regelmäßig positiver bewertet als jemand, der die Aufgabe schlicht erledigt. Wer im Team-Chat, im Meeting oder beim informellen Austausch sichtbar macht, was er oder sie geleistet hat, bleibt im Gedächtnis. Wer dieselben Ergebnisse liefert und nur auf Nachfrage davon berichtet, bleibt deutlich seltener im Gedächtnis. Diesen Unterschied machen wir, Kolleginnen, Vorgesetzte, alle, die im Raum sitzen und zuhören, nicht die Ergebnisse selbst.

Ähnliches beobachte ich bei der Sprache, mit der Erfolge beschrieben werden, im Mitarbeitergespräch, in der Selbsteinschätzung, im Lebenslauf. Mir fällt häufiger auf, dass "Ich habe" öfter von Männern kommt, auch wenn ein ganzes Team beteiligt war, während "Wir haben" öfter von Frauen kommt, selbst wenn sie die treibende Kraft waren. Beide Formulierungen sind wahr, keine ist unehrlicher als die andere. Nur eine davon bleibt im Kopf, wenn wir später über Beförderungen entscheiden.

Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht bei Frauen oder Männern. Es liegt in den Spielregeln, nach denen wir Leistung bewerten, denselben Spielregeln, die schon auf dem Spielplatz entstehen, nur mit höheren Einsätzen. Wenn wir vor allem sehen, wer laut auftritt oder sich selbstbewusst präsentiert, übersehen wir regelmäßig Menschen mit hervorragenden Ideen, großer analytischer Stärke und hoher sozialer Kompetenz. Nicht da sich diese Menschen falsch verhalten, sondern weil wir an der falschen Stelle belohnen.

Empowerment bedeutet aus meiner Sicht nicht, dass jede und jeder lernen muss, lauter zu sein oder Erfolge geschickter zu verkaufen. Sichtbarkeit als individuelle Fähigkeit zu trainieren, kann dem Einzelnen helfen, aber es behandelt ein Symptom, nicht die Ursache. Es ändert nichts an den Spielregeln selbst, nach denen wir Leistung erkennen. Empowerment würde diesbezüglich bedeuten, die Spielregeln selbst zu verändern. Empowerment ist deshalb keine Aufgabe einzelner Personen, es ist eine Verantwortung für alle, die Einfluss auf die Spielregeln haben. Konkret heißt das: Beförderungskriterien, die Leistung nachvollziehbar und nicht nur gefühlt bewerten. Kalibrierte Feedback-Gespräche, in denen mehrere Perspektiven auf dieselbe Leistung zusammenkommen, bevor eine Bewertung entsteht. Strukturierte statt spontane Redezeit in Meetings, damit nicht die Lautstärke über den Gesprächsverlauf entscheidet und Führung, die nicht nur Selbstvertrauen erkennt, sondern auch Empathie, Gründlichkeit und leise kluge Entscheidungen.

Dazu gehört auch, dass Männer Verantwortung übernehmen, nicht nur im Unternehmen, sondern auch zuhause. Denn wer Familie partnerschaftlich lebt, verändert oft auch seinen Blick auf Führung, Zusammenarbeit und Chancengleichheit.

Empowerment beginnt deshalb nicht erst im Bewerbungsgespräch oder in der Vorstandsetage. Es beginnt dort, wo wir entscheiden, welches Verhalten wir belohnen. Auf dem Spielplatz. Dort, wo Kinder zum ersten Mal erfahren, wie viel Raum sie einnehmen dürfen und ob ihre Stimme gehört wird.