Magna Carta und die Kunst, Macht zu binden
Im Juni 1215 besiegelte der englische König Johann Ohneland bei Runnymede an der Themse eine Urkunde, die ihm aufständische Barone abgerungen hatten. Johann hatte die Normandie verloren und 1214 eine schwere Niederlage in Frankreich erlitten. Für seine Feldzüge hatte er die Barone mit immer neuen Abgaben belastet. Die Urkunde sollte seine Willkür begrenzen. Kein freier Mann dürfe ohne rechtmäßiges Urteil seinesgleichen oder nach dem Recht des Landes verhaftet, enteignet oder verbannt werden. Diese Bestimmung gilt bis heute als einer der Ursprünge des Rechtsstaats.
Als Friedensvertrag scheiterte die Magna Carta nach gut zwei Monaten. Johann ließ sie vom Papst für nichtig erklären und das Land stürzte in einen Bürgerkrieg. Ein Grund dafür lag in ihrem Kontrollmechanismus. Die Urkunde setzte einen Ausschuss von 25 Baronen ein, der ihre Einhaltung überwachen sollte. Bei einem Verstoß des Königs durften die Barone gemeinsam mit dem ganzen Land gegen ihn vorgehen und seine Burgen und Güter beschlagnahmen, bis Abhilfe geschaffen war. Ein König konnte eine solche Regel kaum dauerhaft hinnehmen. Die Kontrolle war so scharf gefasst, dass sie die gesamte Ordnung in Frage stellte.
Nach Johanns Tod 1216 wurde die Urkunde im Namen seines minderjährigen Sohnes erneut ausgestellt, mehrfach überarbeitet und 1225 in einer Fassung bestätigt, die Teil des englischen Rechts wurde. Die Klausel mit dem Ausschuss der 25 Barone fehlte in diesen Fassungen. Der Grundsatz, dass der König an das Recht gebunden ist, blieb. Ihre heutige Bedeutung gewann die Magna Carta über Jahrhunderte, weil spätere Generationen sich immer wieder auf sie beriefen und ihre Bestimmungen neu deuteten.
An dieser Geschichte lässt sich ablesen, wie wirksame Kontrolle gebaut sein muss. Macht wird erst begrenzt, sobald sie an Regeln gebunden ist, die der Gebundene nicht allein ändern kann. Satzungen, Geschäftsordnungen und Zustimmungsvorbehalte folgen bis heute diesem Gedanken. Die Klausel der 25 Barone zeigt zugleich die Grenze. Ein Kontrollmechanismus, der nur die äußerste Eskalation kennt, bedroht den Kontrollierten in seiner Existenz und gibt ihm jeden Anlass, sich der Kontrolle zu entziehen. Überlebt hat die Magna Carta in der Fassung, die auf dieses Machtmittel verzichtete und durch ständige Bestätigung und Anwendung an Gewicht gewann.
Aufsichtsräte, Beiräte und Kuratorien kennen diese Abwägung gut. Ihre Wirkung entfalten sie im Alltag über abgestufte Instrumente, über Fragen, Berichtspflichten und Zustimmungsvorbehalte, die regelmäßig genutzt werden. Die Abberufung bleibt das letzte Mittel und wirkt gerade dadurch, dass sie selten gebraucht wird. Ein Gremium, das seine milderen Rechte ungenutzt lässt, verliert dagegen an Gewicht, bis ihm im Ernstfall nur noch eine Eskalation bleibt, die niemand wagen will.
Macht lässt sich nur durch Regeln begrenzen, die der Gebundene nicht allein ändern kann. Wirksam wird Kontrolle durch abgestufte Instrumente, die ein Gremium regelmäßig nutzt. Eine Kontrolle, die nur die äußerste Eskalation kennt, lädt dazu ein, sich ihr zu entziehen.
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