Florence Nightingale und die richtige Zahl

Im November 1854 kam Florence Nightingale mit 38 Krankenschwestern in das britische Militärlazarett von Scutari, dem heutigen Üsküdar bei Istanbul. Die Zustände waren katastrophal. Die Kasernen waren überfüllt, die Abwasserkanäle verstopft, Verbandsmaterial und Wäsche fehlten. Weit mehr Soldaten starben an Typhus, Cholera und Ruhr als an ihren Verwundungen. Nightingale organisierte die Versorgung neu und sammelte zugleich Zahlen, wo die Verwaltung bis dahin kaum verlässliche Aufzeichnungen geführt hatte. Im Frühjahr 1855 schickte die Regierung eine Sanitätskommission, die Abwasserkanäle reinigen, Tierkadaver aus der Wasserversorgung entfernen und die Belüftung verbessern ließ. Danach sank die Sterblichkeit im Lazarett drastisch.

Nach dem Krieg wertete Nightingale die Daten gemeinsam mit dem Statistiker William Farr aus. Die Auswertung legte nahe, dass die hohe Sterblichkeit im ersten Winter vor allem auf die hygienischen Verhältnisse zurückging, gegen die gute Pflege allein wenig ausrichten konnte. Um Regierung und Militärführung zu überzeugen, stellte sie die Todesursachen in einer eindrucksvollen Grafik dar, dem heute nach ihr benannten Rosendiagramm. Darin überragten die vermeidbaren Todesfälle durch Krankheiten die Verluste durch Verwundungen um ein Vielfaches. Ihre Arbeit trug zu einer königlichen Untersuchungskommission über die Gesundheit der Armee und zu grundlegenden Reformen des Sanitätswesens bei. 1858 wurde sie als erste Frau in die Royal Statistical Society aufgenommen.

Die Geschichte ist ein Gegenstück zu vielen Fällen, in denen Kennzahlen in die Irre führen. Nightingale zählte die Toten nach ihren Ursachen und damit nach dem, was sich beeinflussen ließ. Eine bloße Gesamtzahl hätte das Ausmaß gezeigt, aber keinen Weg zur Lösung. Ebenso sorgfältig dachte sie an die Menschen, die entscheiden mussten und dafür weder Zeit noch statistische Ausbildung hatten. Vorstände, Aufsichtsräte und Kuratorien sind heute in derselben Lage. Zahlen, die sie nicht auf Anhieb verstehen, verändern nichts.

Bemerkenswerter noch ist Nightingales Bereitschaft, sich von den eigenen Daten korrigieren zu lassen. Als „Lady with the Lamp“ war sie längst eine gefeierte Heldin. Sie ließ trotzdem zu, dass die Auswertung ihr Bild von der eigenen Arbeit in Scutari veränderte, und machte die Hygiene zu ihrem Lebensthema. Organisationen tun sich damit schwer, besonders bei Vorzeigeprojekten, deren Erfolg niemand in Frage stellen möchte. Gerade dort lohnt eine Auswertung, die ausdrücklich danach fragt, was nicht funktioniert hat.

Eine gute Kennzahl zeigt, wo sich etwas verändern lässt. Daten müssen so aufbereitet sein, dass Entscheider sie ohne Vorkenntnisse verstehen. Den größten Wert haben sie dort, wo eine Organisation bereit ist, sich von ihnen korrigieren zu lassen, gerade bei ihren Vorzeigeprojekten.

Mehr aus der Reihe findet sich in der Übersicht unter: Aus der Geschichte lernen