Ablasshandel und Reformation
Die Reformation aus evangelischer Sicht zu erzählen, ist leicht. Die Geschichte hat klare Rollen, einen mutigen Mönch und eine Kirche, die ihn nicht hören wollte. Für eine Betrachtung über Organisationen lohnt es sich, diese vertraute Erzählung beiseitezulegen und auf die Mechanik zu schauen, die den Konflikt ausgelöst hat.
Albrecht von Brandenburg wurde 1514 mit 24 Jahren Erzbischof von Mainz, obwohl er bereits Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt war. Für diese Ämterhäufung, die das Kirchenrecht nicht vorsah, brauchte er einen päpstlichen Dispens, der ihn eine hohe Summe kostete. Das Geld lieh er sich beim Handelshaus der Fugger. Zur Rückzahlung durfte er in seinen Gebieten den Ablass für den Neubau des Petersdoms in Rom predigen lassen. Die Einnahmen sollten ungefähr zur Hälfte nach Rom fließen und zur anderen Hälfte der Tilgung seiner Schulden dienen. Einer der bekanntesten Prediger war der Dominikaner Johann Tetzel.
Nach der Lehre der Kirche erließ ein Ablass zeitliche Sündenstrafen und setzte Reue und Beichte voraus. In der Praxis der Ablasspredigt verschwamm diese Voraussetzung. Der Spruch, sobald das Geld im Kasten klinge, springe die Seele aus dem Fegefeuer, wird Tetzel zugeschrieben und bringt diese Verkürzung auf den Punkt, gleich ob er ihn je so gesagt hat. Der Ablass sollte seelsorgerlich wirken. In der Kampagne von 1517 diente er zugleich der Schuldentilgung. Die Predigt richtete sich danach aus, möglichst viel Geld einzubringen. Wie bei den Verkaufszielen von Wells Fargo verdrängte die messbare Größe den Zweck, dem sie dienen sollte.
Am 31. Oktober 1517 schickte der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen an Albrecht von Brandenburg, verbunden mit der Bitte, gegen die Missstände einzuschreiten. Ob er sie am selben Tag an die Tür der Schlosskirche schlug, ist unter Historikern umstritten. Luther wollte zunächst eine akademische Disputation und stellte die Kirche als Institution nicht in Frage. Er wandte sich damit ausgerechnet an den Mann, der an der kritisierten Praxis unmittelbar verdiente. Albrecht gab die Sache nach Rom weiter, wo aus einer theologischen Anfrage ein Verfahren wegen Ketzerei wurde, das 1521 mit dem Kirchenbann endete.
Luther kam aus der Kirche, argumentierte mit ihren eigenen Maßstäben und bat um Abhilfe. Die Institution behandelte seine Einwände als Angriff auf ihre Autorität. Die Frage, ob sie berechtigt waren, geriet dabei aus dem Blick. Organisationen, die loyale Kritik von innen ernst nehmen wollen, brauchen Wege für Hinweise und Beschwerden, die an Stellen führen, die von der beanstandeten Praxis selbst nicht profitieren. Ohne solche Wege bleibt Kritikern oft nur der Gang an die Öffentlichkeit. Aus einer Bitte um Reform wird dann rasch ein Machtkampf.
Die katholische Kirche hat die Missstände später selbst abgestellt. Das Konzil von Trient schaffte 1562 die Almosensammler für Ablässe ab. Die Reform kam allerdings erst, als die Spaltung längst vollzogen war.
Ein Finanzierungsmodell darf den Zweck nicht verdrängen, dem es dienen soll. Kritik braucht einen Weg zu Stellen, die von der beanstandeten Praxis nicht profitieren. Wer loyale Kritik von innen als Angriff behandelt, treibt sie in die Öffentlichkeit und riskiert den Bruch.
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