Hältst du dich immer an die Regeln?
Es wäre ein Selbstbetrug hier schnell mit einem Ja zu antworten. Jeder der regelmäßig mit dem Auto fährt wird mindestens unabsichtlich aber fast jeder auch absichtlich gegen Regeln verstoßen haben. Er wird abwägen, ist der Termin es wert, schneller als 50 km/h zu fahren, schaue ich kurz aufs Handy ohne den Motor auszuschalten, ist das Stoppschild vollständig zu beachten, wenn es 3 Uhr morgens ist und die Straße nach links und rechts gut einsehrbar ist, usw.
Natürlich muss ich zunächst zwischen verschiedenen Regelwerken unterscheiden. Nicht jede Regel hat für mich dasselbe Gewicht und manchmal können Regeln sogar dazu führen, dass eine Entscheidung gegen grundlegende ethische Prinzipien verstößt. Dann muss man sich die Frage stellen, wie man damit umgeht.
Recht ist bei uns daheim durchaus ein Thema. Am Küchentisch kommen verschiedene Rollen zusammen, die Richterin, der Justiziar und Kirchenjurist und die beiden Staatsbürger. Eine Richterin muss bei ihrer Arbeit immer am Gesetz bleiben. Wir hatten schon Situationen und Gespräche, in denen das Ergebnis für uns beide persönlich oder ethisch schwierig war, das Gesetz aber genau dieses Ergebnis vorgesehen hat. Das ist ihre Aufgabe. Sie kann nicht einfach sagen, dass sie das Ergebnis moralisch nicht richtig findet und deshalb anders entscheidet.
In meinen Wirkungsfeldern ist es mitunter etwas anders. Hier gibt es durchaus mal gewisse Freiräume. Das bedeutet nicht, dass ich Regeln beliebig finde oder mich einfach über sie hinwegsetze. Dennoch bin ich der Auffassung, dass die Existenz einer Regel nicht jede ethische Abwägung beendet. Es kann Situationen geben, in denen gewichtige ethische Gründe dagegen sprechen, sich an eine Regel zu halten.
Wenn ich mich allerdings bewusst gegen eine Regel entscheide, muss ich mit den Konsequenzen leben können. Zu einer bewussten Entscheidung gegen eine Regel gehört, dass ich dazu stehe und nicht so tue, als wäre die Regel einfach nicht existent oder als gingen mich die Folgen nichts an.
Für mich liegt deshalb ein entscheidender Unterschied darin, ob ich eine Regel nicht kenne, sie versehentlich verletze oder mich bewusst gegen sie entscheide. Jeden dieser Fälle muss ich verantworten, dennoch ist die Verantwortung bei einem bewussten Bruch einer Regel für mich weitaus weitergehend.
Besonders schwer ist es, wenn sich die andere Seite so gar nicht an Regeln hält, dann fällt es mir zugegeben nicht leicht, mich dennoch regelkonform zu verhalten. Zum Glück gibt es solche Situationen nur sehr selten, denn sie kosten sehr viel Energie. Mir liegt nichts daran, behaupten zu können, ich hätte noch nie eine Regel gebeugt oder auch gebrochen. Wichtig ist mir, dass ich im Zweifel erklären kann, warum ich es getan habe. Ich möchte zu meinen Entscheidungen stehen können, selbstverständlich auch dann, wenn sie Konsequenzen haben.