Prüfungslogik des Besetzungskompasses
Stand September 2026
Der Besetzungskompass beantwortet drei Fragen nacheinander. Welche Kompetenzen braucht der Beirat in der Lage des Unternehmens? Wer sollte die freien Sitze einnehmen, um die verbleibenden Lücken zu schließen? Und was sollte bei der Zusammensetzung unabhängig davon beachtet werden? Die ersten beiden Fragen beantwortet ein Bewertungsmodell. Die dritte beantworten Prüfpunkte zur guten Unternehmensführung, die keine Kompetenzen bewerten. Diese Seite beschreibt, wie der Kompass dabei vorgeht.
Vier Begriffe
Ein Kompetenzfeld beschreibt, was der Beirat können muss, etwa Finanzen, Recht oder Transformation. Ein Profil beschreibt, welche Art Person eine Aufgabe übernehmen könnte, etwa eine ehemalige Geschäftsleitung oder eine Fachperson für Personal. Ein Beruf beschreibt den beruflichen Hintergrund eines heutigen Mitglieds. Die Abdeckung beschreibt, wie stark ein Kompetenzfeld im Gremium bereits vertreten ist.
Erster Schritt: Welche Kompetenzen gebraucht werden
Der Kompass kennt 18 Kompetenzfelder. Sie reichen von Strategie, Finanzen, Risikomanagement und Recht über Markt, Kommunikation, Technik, Produktentwicklung, Digitalisierung und Informationssicherheit bis zu Personal, Transformation, Sanierung, Transaktionen, internationalem Geschäft, Forschung, Nachhaltigkeit und öffentlicher Hand.
Wie wichtig jedes Feld ist, hängt zunächst von der Lage des Unternehmens ab. Der Kompass unterscheidet das Startup, den etablierten Mittelstand, den Umbruch durch Wachstum und den Umbruch durch Bedrohung. Ein Startup braucht vor allem Markt, Produkt und Finanzierung, ein Unternehmen im Umbruch vor allem Strategie, Markt, Transformation und einen klaren Blick auf die Zahlen.
Drei weitere Angaben verschieben die Gewichtung. Die Branche macht etwa Informationssicherheit in der IT oder Nachhaltigkeit in der Energieversorgung wichtiger. Die wirtschaftliche Lage kennt vier Stufen, von keinen besonderen Problemen über eine nötige Neuausrichtung und eine Ertragskrise bis zur Liquiditätskrise. Nicht jede Restrukturierung ist eine Existenzkrise, deshalb verlangt erst eine ernste Krise nach ausgewiesener Sanierungserfahrung. Schließlich zählen Besonderheiten wie Kontrollrechte des Beirats, ein beteiligter Investor, eine anstehende Nachfolge, der Einsatz von KI, eine starke Regulierung, Zukäufe oder ein Fachkräftemangel.
Jeder Unternehmenstyp hat drei bis vier Kernkompetenzen, von denen das tägliche Geschäft ebenso abhängt wie die langfristige Entwicklung. Finanzen gehört immer dazu, in der Industrie etwa Technik und Markt, in der IT Produktentwicklung und Informationssicherheit, in der Sozialwirtschaft Personal, Recht und die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand. Die wirtschaftliche Lage, Kontrollrechte des Beirats und seine Aufgabe, die Geschäftsführung zu bestellen, können weitere Kernkompetenzen hinzufügen. Kernkompetenzen gelten nie als nebensächlich.
Oft beschreiben zwei Angaben denselben Sachverhalt. Ein IT-Unternehmen hängt fast immer stark an seinen Systemen, ein Einzelhändler verkauft fast immer an Endkunden. Damit solche Angaben nicht doppelt zählen, werden sich überschneidende Signale abgeschwächt. Je näher sie beieinanderliegen, desto stärker. Signale, die sich nur thematisch berühren und unterschiedliche Anforderungen beschreiben, zählen dagegen jeweils für sich.
Zweiter Schritt: Was das Gremium heute abdeckt
Für einen bestehenden Beirat prüft der Kompass, welche Kompetenzen die heutigen Mitglieder mitbringen. Wer einen Kompetenzschwerpunkt ausdrücklich angibt, deckt dieses Feld ab. Ohne solche Angaben leitet der Kompass die Kompetenzen vorsichtig aus dem Beruf ab. Ein Steuerberater bringt Finanzen mit, eine Unternehmensjuristin Recht. Weitergehende Vermutungen gelten nur, solange keine eigenen Schwerpunkte eingetragen sind.
Der Beirat soll die Geschäftsführung vor allem ergänzen. Stärken der Geschäftsführung gelten deshalb als teilweise abgedeckt. Eine Ausnahme bilden die Kernkompetenzen des Unternehmenstyps und seiner Lage. Dort bleibt ein zweiter fachkundiger Blick im Beirat erwünscht, obwohl die Geschäftsführung dort stark ist. Gerade komplexe Fragen profitieren von einer zweiten Meinung.
Dritter Schritt: Wer die freien Sitze einnehmen sollte
Der Kompass arbeitet mit 22 Profilen. Dazu gehören Generalisten wie der Unternehmer auf Augenhöhe, die ehemalige Geschäftsleitung und der Generalist mit Schwerpunkt, Fachprofile wie Finanzen, Recht und Governance, Personal, Digitalisierung oder Sanierung sowie Profile aus dem Kreis der Eigentümer und Kapitalgeber. Jedes Profil bringt bestimmte Kompetenzen mit, manche als Kern, andere ergänzend.
Die Sitze werden nacheinander besetzt. Jeder Sitz geht an das Profil, das die größte verbleibende Lücke schließt und in der Lage des Unternehmens als Person gut passt. Nach jeder Besetzung rechnet der Kompass neu, sodass der nächste Sitz die nächstgrößere Lücke schließt. Dabei gelten einige Grundsätze.
- Die Größe zählt. Kleine Gremien brauchen Breite und bevorzugen Generalisten. Große Gremien können mit Fachleuten arbeiten.
- Überblick gehört dazu. Jedes Gremium sollte mindestens ein Profil mit Überblick haben, etwa für den Vorsitz.
- Beratungspraxis hilft. Wer gewohnt ist zu beraten, vermittelt zwischen Geschäftsführung und Gremium. Solange niemand mit Beratungspraxis im Beirat sitzt, bevorzugt der Kompass deshalb Unternehmensberater, Juristen aus Kanzlei oder Unternehmen und Steuerberater. Rechtsanwälte und Unternehmensjuristen bilden dabei ein gemeinsames Profil, sodass höchstens ein Sitz juristisch besetzt wird.
- Keine Doppelungen. Der Kompass schlägt kein Profil vor, das bereits im Gremium sitzt, und vermeidet mehrere Profile derselben Art.
- Zwei Aufgaben auf einem Sitz. Ein Generalist mit Schwerpunkt kann in kleinen Gremien eine fachliche Lücke mit übernehmen. In einer Liquiditätskrise gilt das nicht, dann braucht die Sanierung eine eigene Fachperson.
- Manches passt nicht. Einige Profile schließt der Kompass in bestimmten Lagen aus, etwa einen Finanzinvestor in einer gemeinnützigen Organisation oder einen Vertreter der finanzierenden Bank in einer Liquiditätskrise. Diese Profile erscheinen gesondert mit einer Begründung.
Kompetenzen, die kein vorgeschlagenes Profil vollständig abdeckt, ordnet der Kompass als zusätzlich gefragte Kompetenz einem passenden Sitz zu. Was danach noch fehlt, erscheint als weiterhin offen. Es gehört in das Anforderungsprofil der Suche oder lässt sich über externe Fachleute in einzelnen Sitzungen einbinden.
Ein breites Netzwerk ist eine Eigenschaft der konkreten Person und kein Kompetenzfeld. Es fließt deshalb nicht in die Bewertung ein. Zu jedem vorgeschlagenen Sitz nennt der Kompass aber, welche Kontakte dort besonders nützen, etwa Kunden und Vertriebspartner im Markt oder Banken und Gläubiger in der Sanierung.
Vierter Schritt: Die Zusammensetzung
Die folgenden Prüfpunkte bewerten keine Kompetenzen. Sie sind Empfehlungen für eine gute Zusammensetzung, die unabhängig vom Bewertungsmodell gelten.
- Alter. Mindestens ein Mitglied sollte jünger als 55 sein. Das ist ein Ziel für die Mischung und kein Ausschlusskriterium für eine Ausschreibung. Bei Mitgliedern ab 70 empfiehlt der Kompass, eine Altersgrenze zu klären.
- Vielfalt. Geprüft wird, ob mindestens eine Frau vertreten ist. Vielfalt reicht über das Geschlecht hinaus. Soziale Herkunft, etwa als Arbeiterkind, eine Migrationsgeschichte oder eine Behinderung können andere Erfahrungen in das Gremium bringen. Solche Merkmale sind Anhaltspunkte für andere Blickwinkel und keine Garantie dafür, beim Geschlecht genauso. Der Kompass fragt sie bewusst nicht ab, weil es um sensible Angaben über reale Personen geht. Warum solche Merkmale allein wenig über Benachteiligung sagen, beschreibt der Beitrag Chancengleichheit.
- Unabhängigkeit. Mindestens ein Mitglied sollte ohne Beteiligung, Mandat oder Geschäftsbeziehung sein. Laufende Mandate und Geschäftsbeziehungen weist der Kompass gesondert aus.
- Personalkompetenz. Ein Beirat, der die Geschäftsführung bestellt, braucht mindestens ein Mitglied mit einer Grundkompetenz in Personalführung, etwa aus eigener Führungserfahrung oder aus dem Personalbereich.
- Beratungspraxis. Mindestens ein Mitglied sollte Beratungspraxis mitbringen, etwa als Unternehmensberater, Jurist oder Steuerberater.
- Branchenfremder Blick. Mindestens ein Mitglied sollte Erfahrung aus einer anderen Branche mitbringen.
- Netzwerk. Mindestens ein Mitglied sollte ein breites Netzwerk mitbringen.
- Vorsitz. Den Vorsitz sollte ein Mitglied führen, das weder Eigentümer noch Investor ist.
- Ergänzung. Außerhalb der Kernkompetenzen sollte der Beirat überwiegend andere Erfahrungen mitbringen als die Geschäftsführung.
Eingaben und Ergebnis
Bevor der Kompass auswertet, prüft er die Angaben auf mögliche Widersprüche, etwa ein ruhiges Fahrwasser zusammen mit einer Liquiditätskrise. Er blockiert dabei nichts. Er weist auf den möglichen Widerspruch hin und lässt die Wahl, die Angaben anzupassen oder trotzdem auszuwerten.
Das Ergebnis beginnt mit einem kurzen Fazit und den vorgeschlagenen Profilen. Jeder Vorschlag nennt, was die Person mitbringen sollte, welche Kompetenz zusätzlich gefragt ist, welches Netzwerk nützt und warum das Profil passt. Danach folgen das Lückenbild der Kompetenzen, die beruflichen Hintergründe, die Prüfpunkte zur Zusammensetzung und wenige konkrete nächste Schritte. Das Ergebnis lässt sich drucken und in die Gesellschafterversammlung mitnehmen.
Grundlagen und Grenzen
Die Studien von Kienbaum aus dem Jahr 2022 sowie von INTES und PwC aus dem Jahr 2024 dienen als fachliche Orientierung. Aus ihnen stammen die Befunde zu den Lücken bei Digitalisierung, Personal und internationaler Erfahrung, zur Altersstruktur, zum Frauenanteil, zur Größe der Gremien und zum Vorsitz. Die Auswahl der Kompetenzfelder und Profile, ihre Gewichtung und die Auswahlmechanik sind eine eigene redaktionelle Modellierung und keine empirisch geprüfte Bewertungsmethode. Einzelne Empfehlungen wie die Faustregel von 55 Jahren setzen bewusst eigene Akzente.
Der Kompass gibt Orientierung und ersetzt keine Beratung im Einzelfall. Er gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Seine Eingaben werden nirgends gespeichert.